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Jugend auf der Überholspur

Ulrich Thoenes
Kaum zu glauben, aber ohne PC geht's auch eine Weile. Sogar ganz gut wie eine fünfte Klasse bewiesen hat.
Die Jugendlichen befinden sich im Internetrausch: 77 % der bundesdeutschen 14- bis 19-Jährigen nutzen inzwischen regelmäßig das Internet, dagegen nur 44 % der Erwachsenen (in 2002). Fünf Jahre früher gab es noch keine Unterschiede.
Die Gesamtheit aller Jugendlichen (also einschließlich der Nicht-User) verbringt täglich 59 Minuten im Netz. Das scheint nicht sehr viel im Vergleich zu 163 Minuten Hörfunk und 117 Minuten TV-Konsum; dafür aber sind die Jugendlichen, die tatsächlich auch User sind, täglich im Durchschnitt 145 Minuten online – auch das ist ein Rekord gegenüber den anderen Altersgruppen.


Die seit 1997 jährlich durchgeführten ARD-ZDF-Online-Studien fördern einige interessante Details zur Nutzung des WWW durch junge User zu Tage:
  • Jugendliche sind interaktiver: sie tauschen sich mehr aus mit anderen (etwa per Chat), nutzen aber auch stärker die Interaktionsmöglichkeiten auf Websites.

  • Jugendliche suchen eher mal Spaß im Netz. Da steuern sie oft dieselben Unterhaltungs- und Spaßseiten an und erwarten regelmäßig neue und originelle Inhalte. Neben den Vorlieben zum ”Fun” stehen bei Jugendlichen aber auch Informationen und Nachrichten via Internet hoch im Kurs. Von einer reinen “Spaßjugend” kann keine Rede sein.

  • Im Gegensatz zum Durchschnitts-User gibt es bei Jugendlichen einen deutlichen Spitzenwert der Nutzung im Tageslauf. Er liegt zwischen 14 und 16 Uhr. Kein Wunder: nach der Schule PC an, ein bisschen gechattet und geflirtet - so wird der Schulstress abgeschüttelt. Und vielleicht läuft auch während der Hausaufgaben ein bisschen Musik vom PC ... Moment mal: War da nicht was? Kennen wir die Hintergrundberieselung nicht vom Radio? Ersetzt jetzt der PC das gute alte Radio? Auch zu dieser Verdrängungsfrage liefert die Studie wertvolle Erkenntnisse!


Internet vs. Rest der Medien: Freundschaft oder Feindschaft?


Eines vorweg: Nach wie vor rangieren Fernsehen und Hörfunk in der täglichen Medien-Nutzungsdauer weit vorne. Danach kommt das Internet. Aber: Der Abstand dazu ist bei Jugendlichen wesentlich geringer als in der Gesamtbevölkerung.

Nutzungsdauer verschiedener Medien
Mo - So, in Min./Tag (2002)
nach Birgit van Einerem (http://www.ard-werbung.de/showfile.phtml/eimeren.pdf?foid=6635)
Personen > 14 Jahre 14 - 19 Jahre
Fernsehen 215 117
Hörfunk 202 163
Internet 35 59
Tageszeitung 30 10

Wenn nun Birgit van Einerem in der zitierten Analyse der Meinung ist, dass “bisher kein Verdrängungswettbewerb zwischen TV/Radio und Internet erkennbar” sei, so sprechen doch die Zahlen eine andere Sprache. Jeder vierte jugendliche Onliner gibt an, weniger fernzusehen und Radio zu hören. Das ist schon eine beträchtliche Zahl.
Noch gravierender sieht es da bei den Printmedien aus: 36 % der jugendlichen User geben zu Protokoll, weniger Zeitungen/Zeitschriften zu lesen. Gerade bei der Jugend riecht es also stark nach Verdrängung.
Trotzdem hat Birgit van Einerem nicht ganz unrecht. Die Zahlen der ARD-ZDF-Online-Studie belegen nämlich, dass junge User die verschiedenen Medien stärker miteinander vernetzen.
Während Erwachsene oft strikt trennen zwischen Internet, TV und Radio, sind Jugendliche unkomplizierter: Sie surfen zum Beispiel viel eher mal auf die Websites der Rundfunk- und Fernsehsender und erwarten sich davon einen Mehrwert. Die meisten Sender haben das erkannt und gestalten ihre Inhalte entsprechend jugendgemäß.
Im Grunde beweisen Jugendliche damit ein Stück mehr Medienkompetenz als viele Erwachsene: Sie nutzen die spezifischen Vorzüge des Internets voll aus, z. B. Interaktivität, Einbeziehung großer Datenmassen, Agieren in Echtzeit (Chat) - alles in allem beherrschen sie eher die ganze mediale Bandbreite des Nets.

Im Vergleich zu anderen Usern nutzen die Jüngeren auch verstärkt Radio und Fernsehen via Internet – ein Hoch dem Erfinder der TV-Karte. Fernseh- und Rundfunkmacher können also nochmal ganz beruhigt sein.
Da müssen sich eher die Printmedien etwas einfallen lassen. Ihre Druckausgaben werden weniger gelesen von der jüngeren Klientel und auch ihre Online-Auftritte sind oft nicht der Renner. Sie laufen Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Rundfunk und TV haben vorgemacht, dass eine pfiffige Präsenz im Web gut ankommt. Und die junge Generation beweist ja ihre Fähigkeit zur multimedialen Vernetzung ganz deutlich. Also sollten auch die Online-Zeitungen die fast unendlichen Möglichkeiten des WWW nutzen. Dem Artikel über die Kriminalität in der eigenen Stadt kann ein Recherche-Feature hinzutreten, mit dem der User herausfinden kann, wie viele Diebstähle in der Nachbarschaft zu welcher Uhrzeit auf welche Weise passierten - warum eigentlich nicht?



Kehrseite der Medaille


“Jeder Dritte ist schon süchtig nach dem Internet”, titelte der Bonner Generalanzeiger am 9.10.2002. Ein Keulenschlag, diese Meldung. Es war allerdings – glücklicherweise – eine Falschmeldung: Die Journalistin hatte die Zahlen einer Untersuchung falsch gelesen. Sie bezieht sich in ihrem Artikel auf die Studie “Internetsucht: Jugendliche gefangen im Netz” von André Hahn und Matthias Jerusalem (http://www.internetsucht.de/publikationen/internetsucht_2001a.pdf).
Darin werden nur drei Prozent der Internetnutzer als “süchtig” eingestuft. Ganz so schlimm wie die GA-Überschrift vermuten lässt ist es also nicht.
Allerdings: Betrachtet man die Zahlen der Studie nach dem Lebensalter der User aufgeschlüsselt, ergibt sich ein frappierender Befund. Kurz gefasst: je jünger, desto süchtiger.
Bei den unter 15-Jährigen werden über 10 % als süchtig eingestuft! Dieser Wert nimmt mit zunehmendem Lebensalter der erfassten Personen dann kontinuierlich ab.
“Sucht” wird nach 5 Kriterien definiert:
Einengung des Verhaltensraums (es wird mehr Zeit im Internet verbracht, als eigentlich vorhanden ist), Kontrollverlust (Versuche, weniger zu surfen, scheitern), Toleranzentwicklung (es wird immer mehr Zeit im Internet verbracht), Entzugssyndrome (Unzufriedenheit, Nervosität und Aggressivität bei Entzug des Mediums) und negative soziale und personelle Konsequenzen (Verlust des Arbeitsplatzes, Vernachlässigung von Freunden und Familie).
Bei drei erfüllten Kriterien spricht Hahn von Internetsucht.

Auch Psychologe Werner Platz vom Berliner Vivantes-Humboldt-Klinikum beschäftigt sich seit Jahren mit der Online-Sucht. “Die Zahl der Online-Süchtigen hat sich in den vergangenen drei Jahren vervierfacht”, meint er. Und warum geraten gerade Teenager in den Sog der digitalen Scheinwelten? “Der Druck im Alltag auf Heranwachsende hat zugenommen. Deshalb flüchten viele als Ausgleich ins Virtuelle.”

Vor allem Chaträume und Online-Games haben es den jugendlichen Intensivnutzern angetan. Wenn das Internet zur Droge wird, hilft nur noch fachkundige Beratung (http://www.onlinesucht.de).



Medienentzug mit Erfolg


Suchtgefahr besteht nicht nur beim Internet. Auch wer fünf Stunden täglich im Fernsehsessel abhängt, verliert schnell den Anschluss an das reale Leben, das eben nicht nur aus den Medien besteht. Der ständige Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen hat also seine Schattenseiten. Das sind auch die Erkenntnisse einer mutigen Lehrerin namens Larissa Bügel.
Sie verordnete ihrer fünften Klasse an der Regionalschule Puderbach (Kreis Neuwied) vier Wochen Medienentzug. Hei – was für ein Schock für die Schüler. Vier Wochen kein Fernsehen (lediglich zwei Stunden pro Woche waren für Nachrichten erlaubt), kein Computer, kein Internet. Wer aber einen Zwergenaufstand der Elfjährigen erwartete, irrte: Begeistert zogen sie mit und entdeckten Neues.
Da wurde wieder einmal in der Familie geredet, gespielt und sogar mehr im Haus mitgeholfen – sehr zur Freude der Eltern. Und: Die Schulleistungen verbesserten sich.

Lehrerin Larissa Bügel: “Die Schüler sind ruhiger geworden. Auch andere Lehrer, die in meiner Klasse unterrichten, sagen, dass die Kinder viel konzentrierter sind.' Ein Nebeneffekt des Projekts war, dass die Schüler abends früher schlafen gingen: “Sie waren ausgeschlafener und aufnahmefähiger', so Bügel, “von einem Kind habe ich gehört, dass es vor dem Projekt erst um Viertel nach elf ins Bett ging, wenn ‚TV-Total' zu Ende war.'
Bleibt die Frage, ob sich die Schüler auch für – sagen wir mal ein Jahr darauf einlassen würden. Frau Bügel, wie wär’s?

7.7.2003






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