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Erfolgsrezepte für die eigene Website

Niels Gründel
Fachbücher gibt es viele. Ein Teil davon versucht auch, den Muff des Oberlehrerhaften abzulegen. Den wenigsten gelingt das wirklich, doch bei „Spicy Websites“ fällt nicht nur der Titel aus dem Rahmen.
Das Buch stellt eine Auswahl von Webseitenprojekten vor und vergisst dabei nicht, deren Macher zu Wort kommen zu lassen. Die Autoren zeigen mögliche Verbesserungen und das bislang nicht genutzte Potential der jeweiligen Internetpräsentation auf.
Alles in allem: Ein ungewöhnlicher Weg für ein Fachbuch, aber Grund genug, mit den Autoren über das Buch mit den vielen zündenden Website-Ideen zu sprechen.


Netzkritik: Spicy Websites – wie ist es denn zu diesem Buchtitel gekommen?

Eric Hegmann: Wir wollten uns von den bisher erhältlichen Büchern abheben, die ihren Fokus meist ausschließlich auf Usability und Design legen. Die Analogie zum Kochbuch hat uns sehr gut gefallen und gab uns auch die Möglichkeit, sowohl den Titel als auch das Buch selbst ein wenig anders zu gestalten, als vergleichbare Sachbücher.

Netzkritik: Eine kritische Anmerkung direkt vorweg an den Profi. Ihre persönliche Seite (http://www.taglinger.de/) sieht zwar klasse aus, aber die schwarze Schrift im Monat Mai ist auf dem unruhigen Hintergrund kaum zu lesen. Das ist doch nicht wirklich gut gelöst?

Harald Taglinger: Ihre Prämissen sind andere: Sie gehen davon aus, dass gute Lesbarkeit gewünscht ist. Wäre dem so, würde ich eine größere Typo und ruhigen Hintergrund wählen. Die Idee ist es, die Form ein wenig zu erschweren, um LeseARBEIT zu erzeugen. Die Site sieht dann nach mehr aus, als sie textlich ist. Im Service-Bereich bin ich dann SEHR lesefreundlich, wenn sie zum Beispiel das Kontaktzentrum nehmen, das seit dem 1. Juni live geschaltet ist.
Allerdings haben Sie recht: Ich bin in den Vormonaten mit meiner Motivwahl besser gewesen und ein bisschen zu weit mit dem Effekt gegangen.

Netzkritik: Die Autoren haben alle an den ganz großen Webseiten der Republik mitgearbeitet. Nutzen Ihre Erfolgsrezepte auch den Webdesignern und –mastern kleinerer Internetauftritt?

Eric Hegmann: Hoffentlich tun sie das. Wir haben uns bemüht, die Rezepte so aufzubereiten, dass sie für Köche in Großküchen genauso wie für Hobby-Köche nachzukochen sind. An gelungenen Applikationen von so genannten großen Sites lässt sich immer auch etwas für andere, auch kleinere Sites ableiten - ebenso wie es sich aus den Fehlern anderer lernen lässt. Gerade wenn es um grundsätzliche Fragen geht: Warum soll ein Nutzer auf meine Website? Was will ich ihm zeigen? Was soll er dort machen? Warum biete ich ihm das überhaupt an? Die Sinnfrage muss sich jeder Webmaster stellen - und sie auch beantworten können. Wenn die Antwort lautet: „Weil ich ein Hobby brauche, in das mir meine Frau nicht hineinreden kann', ist die Situation natürlich eine ganz andere, als wenn ich mit einem Webauftritt Geld verdienen möchte.

Harald Taglinger: Wir haben bewusst die großen Sites weggelassen und uns eben um kleine Sites gekümmert. Die Tipps sind darauf abgestimmt. In meiner Arbeit für die microsoft.com würde ich vollkommen andere Dinge berücksichtigen. Allerdings wäre es sinnlos, darüber Bücher zu schreiben. Websites mit 1 Milliarde Pageviews im Monat sind selten im deutschen Sprachraum zu finden.

Netzkritik: Was nervt am meisten an einem schlechten Internetauftritt, ist also der größte anzunehmende Fehler, der einem Webmaster unterlaufen kann?

Harald Taglinger: MICH (da es hier um Emotionen geht, argumentiere ich aus meinem Empfinden heraus und verallgemeinere, wenn Sie erlauben, nicht.) nerven Protzereien mit technischen Lösungen, die sich nicht die Bohne in den Gesamtauftritt der Website integrieren lassen. Und modischer Schnickschnack, der als dritter Aufguss eines ehemaligen Trendsetters daherkommt. Will sagen: Komplexe Scriptings bei Hobbyangler-Seiten oder matte Effekthascherei bei Jugend-Marketing-Seiten. Der größte anzunehmende Fehler ist zu glauben, dass User dumm sind.

Eric Hegmann: Das lässt sich schwer pauschal sagen. Meist dann, wenn ich das Gefühl erhalte, der Anbieter will eigentlich gar nicht mit mir kommunizieren.
Wenn er mir keine Möglichkeit der Kontaktaufnahme gestattet oder aus Ignoranz auf eine angemessene Ansprache verzichtet.

Netzkritik: Hinter vielen Webauftritten steckt ein wirtschaftliches Interesse. Aber müssen wirklich alle Firmen im Netz präsent sein?

Eric Hegmann: Klare Antwort: Nein, es müssen nicht alle Firmen im Netz mit einer Website präsent sein. Jedoch: Im digitalen Zeitalter müssen alle Firmen über das Internet erreichbar sein.
Jeder Anbieter wird selbst beantworten können, für wen das wichtig ist: Endkunden, Mitarbeiter und Angestellte, Partner und Lieferanten oder Dienstleister.
Wie diese Kommunikation dann aussieht, hängt von Interesse, Branche und wirtschaftlichen Erwägungen ab. Sie ist aber unverzichtbar.
Danach kann ich dann meine Etats berechnen und den jeweiligen Kostenstellen zuordnen: Endkunden-Kommunikation gehört meist zum Thema Marketing und Vertrieb, ist aber eben nicht die einzige Aufgabe einer Firmenpräsenz im Internet.

Netzkritik: Eine Homepage ist immer Teil eines Unternehmens. Was muss ein Unternehmen im Internet tun, um neue Kunden zu gewinnen und bei Altkunden zu punkten?

Harald Taglinger: Echt sein. Wenn ich als Kunde eine Almhütte im Netz suche, dann will ich eine Almhütte finden. Sollten sich Kunden dann nicht finden lassen, liegt es ja vielleicht an den Produkten/Dienstleistungen der Firma, nicht an der Website. Die Site ist nur das Medium, das möglichst störungsfrei den Business-Value des Unternehmens transferieren soll.

Eric Hegmann: Auf die Bedürfnisse des Kunden eingehen, ihn an das Unternehmen binden und sensibel auf die neuen Interessen der Zielgruppe eingehen. Hoher Nutzwert sollte in der Regel größtes Interesse sein. Eventuell auch Unterhaltung - aber das ist sehr von der Branche abhängig.

Netzkritik: Tägliche und wöchentliche Updates sind nicht immer sinnvoll. Für wen denn schon und warum nicht für alle Betreiber einer Seite?

Eric Hegmann: So oft, wie die Bedürfnisse des Kunden die Aktualisierung nötig machen - aber nur so oft, wie sich dies auch rechnet. Dabei gilt auch: Wenn die Kosten zu hoch sind, kann eine Änderung des Pflegeaufwandes viel erreichen, ohne dass die Aktualisierungszyklen erweitert werden müssen.

Netzkritik: Eine Empfehlung im Buch lautet: Firmen sollten für den Produktsupport Foren einrichten. Die wenigsten Firmen folgen bislang aber dieser Strategie. Warum gibt es so viel Bescheidenheit in dieser Frage?

Harald Taglinger: Gute Foren sind teuer und mutig in der Kommunikationskultur. Geiz und fehlender Mut können hier einen Riegel vorschieben ...

Eric Hegmann: ... Viele Firmen scheuen den Aufwand und investieren lieber in Marketing und Versprechungen, um neue Kunden zu generieren. Jedes Unternehmen muss für sich ausrechnen, was teurer ist: Bestehende Kunden glücklich und zu Wiederholungstätern zu machen oder neue Kunden anzusprechen.
Controller, die die richtigen Zahlenspalten vergleichen, kennen die Antwort.

Netzkritik: Sie schreiben: „Besser als Banner funktionieren Textlinks“. Ist das der Todesstoß für Online-Bannerwerbung?

Harald Taglinger: Ja nun, man würde ein solches Buch überbewerten, wenn es Todesstöße versetzen kann. Aber ich denke, das kann der Autorenkollege besser beantworten.

Eric Hegmann: Overture oder Google machen vor, dass sich mit Textlinks viel Geld verdienen lässt. Die Klickraten sind durch solche Content-Related-Links in der Regel deutlich höher als die bei Standard-Bannern. Die Gefahr besteht hier, dass der Nutzer redaktionelle Links nicht mehr von den Werblichen unterscheiden kann, weil die Anbieter den Unterschied aus Angst vor Einbußen bei der Erfolgsquote nicht kenntlich machen.

Netzkritik: Firmen, denen es nicht gut geht, überlegen oft, ihre Seiten ganz vom Netz zu nehmen. Eine sinnvolle Entscheidung oder gibt es bessere Wege?

Harald Taglinger: Eine Website sollte sich immer der gesamtwirtschaftlichen Situation anpassen. Eine Site, aber ganz abzuschalten, wird ebenfalls Geld kosten und der erneute Launch auch. Besser ist es sicher, generell eine Site nicht zu umfangreich zu gestalten. Selten braucht ein Unternehmen mehr als 50 Seiten für seine Basisdienste. Und 80 % der Hits landen eh auf 20 % des Contents. Aus den Logfiles kann ich also lesen, welche Seiten unbedingt LEBEN müssen, selbst und gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.


Das Buch „Spicy Websites“ ist bei Markt+Technik erschienen (ISBN 3-8272-6484-7) und kostet 39,95 Euro.


12.7.2003






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