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E wie Entwicklungshilfe und Ekommerz (Teil 2)
Mario Gongolsky
Netzkritik: Na, wenigstens in diesem Punkt komme ich zu einer anderen Bewertung. Ich glaube, dass Firmen in Entwicklungsländern gut daran tun, wenigstens eine aussagefähige Webpräsenz zu haben. Wie kann ich Produkte oder Dienstleistungen einkaufen, von denen ich keinerlei Kenntnis habe? Meinetwegen kann man die wirtschaftliche Bedeutung des E-Commerce volkswirtschaftlich bei uns in seinem Gesamtvolumen - trotz eindeutig steigender Tendenz - als gering einschätzen. Es geht ja gar nicht um das Look and Buy, sondern um eine mediale Präsenz. Daraus entstehen mittelfristig geschäftliche Kontakte, die ohne Internet nicht zu Stande gekommen wären. Uwe Afemann: Ich würde Ihnen ja gerne Recht geben, aber neuere Untersuchungen der Schools of Economics and Political Science aus London und des Institute of Development Studies aus Sussex in Großbritannien vom März 2003 belegen, dass z. B. im B2B-Bereich kaum neue Kunden durch einen Internetauftritt gewonnen werden, denn in Bangladesh, Kenia und Südafrika - hier wurde die Studie durchgeführt - werden neue Kontakte durch alt bewährten direkten face-to-face Kontakt hergestellt. Die Wissenschaftler, die diese Studie durchgeführt haben, führen u. a. aus: 'Wir sehen Digitaltechnologie nicht als höchste Priorität für die Produzenten aus Entwicklungsländern, die ihre Exportmöglichkeiten auf dem globalen Markt verbessern wollen … Es gibt keine Möglichkeiten Produkte online zu verkaufen, wenn sie nicht zu akzeptablen Preisen zu den Käufern ausgeliefert werden können. Für digitale und immaterielle Güter mag dies kein Problem sein. Aber die meisten Exporte aus Entwicklungsländer sind nicht-digitale Güter, sie sind stofflich … Die Politik muss vor allem die ‚alten‘ Probleme angehen, nämlich dafür sorgen, effiziente Verkehrswege und Eisenbahnverbindungen, bessere Verschiffungsmöglichkeiten und schnellere Zollabfertigung zu erreichen.' Netzkritik: Ich habe auch einmal über Internetseiten von Slums berichtet. Orte ohne Strom, Wasser und Gesetz. Was soll ein solcher Unort mit einer Internetseite? Ich war überrascht, welche positiven Folgen die erzeugte öffentliche Aufmerksamkeit hatte. In Kenia wurden illegale Siedlungen von der Regierung legalisiert. Jugendliche dokumentieren ihren Alltag und fotografieren einen Ort, der uns wie das Wartezimmer zur Hölle vorkommen mag. Im Innenverhältnis beginnen die Bewohner ihre eigene Situation zu reflektieren. Über das Projekt entstand ein Wir-Gefühl, mit positiven Effekten. Analphabetismus, Bildungs- und Perspektivlosigkeit, kein Strom, kein Wasser und dennoch positive Wirkungen. Muss man vielleicht bei solchen Projekten stärker auf nicht quantitativ messbare Effekte achten, statt Wohltaten im BIP zu ermessen? Uwe Afemann: Es gibt sicher immer wieder positive Einzelbeispiele, wo der Einsatz von Internet zu einer Verbesserung führt und bei der Öffentlichkeitsarbeit hilft. Ob damit aber die Probleme z. B. der Slumbewohner generell gelöst werden, bleibt zweifelhaft. Wenn ich z. B. den letzten Bericht der Vereinten Nationen zur Situation in den Städten in der Dritten Welt lese, in dem eine Verdoppelung der Wohnbevölkerung der Slums prognostiziert wird, zweifele ich daran, ob durch solche von Ihnen genannten Einzelaktionen alle Menschen zu Strom und Wasser kommen. Das heißt aber nicht, dass man dies nicht versuchen soll. Was die Menschenrechte angeht, so ist es sicher positiv zu bewerten, dass jetzt vermehrt Menschenrechtsverletzung auch über das Internet bekannt gemacht werden, auch wenn dies nicht verhindert, dass sie weiterhin geschehen. Ich komme gerade aus Peru zurück und habe dort die Diskussion um die Wahrheits- und Versöhnungskommission mitbekommen. Leider findet zu den Erkenntnissen dieser Kommission keine breite öffentliche Diskussion statt, da sich Parteien und die Regierung weigern, das für sie unangenehme Thema anzusprechen. Aber immerhin kann man sich die Berichte dieser Wahrheits- und Versöhnungskommission aus dem Internet herunterladen und ausdrucken, zumindest wir hier. Für Inlandsperuaner gestaltet sich dies schon schwieriger, denn kaum ein Durchschnittsperuaner hat Internet zu Hause und er kann nur über die 'cabinas internet' den Web-Server der Kommission besuchen. Das Ausdrucken der Berichte ist für ihn dann fast unmöglich, denn einmal ist dies für ihn bei seinem niedrigem Einkommen sehr teuer und zweitens besitzen die 'cabinas internet' kaum Möglichkeiten zum Ausdrucken solch umfangreicher Dokumente. Netzkritik: Es ist Ihr Verdienst, dass ich heute E-velopment-Projekte viel kritischer untersuche als zuvor. An mancher Projektbeschreibung lässt sich der wirkliche Nutznießer leicht erkennen. Da geht es um einen kurzfristigen Ad-hoc-Absatz von Hightech, der vor Ort unbrauchbar ist. Da geht es um eine Art Kulturprotektionismus durch eine Infiltration des Bildungssystems mit Werten der Industriegesellschaften, auch das so eine Art virtueller Kolonialisierung. Da stehen horrende Summen für Telefonverbindungen, die europäische Telekommunikationsunternehmen einstecken, gegen marginale Investitionen in die technische Infrastruktur vor Ort. Haben Sie einige konkrete Beispiele, an denen unsere Leser leicht erkennen können, wie E-velopment-Projekte allenfalls den 'Ausstattern' einen Benefiz versprechen? Uwe Afemann: Da ich gerade in Peru war, möchte ich auch hier ein Beispiel aus diesem Land nennen. Der neue peruanische Präsident Toledo möchte ähnlich wie sein Vorgänger Fujimori alle peruanischen Schulen ans Netz bringen und da wurde auch überlegt, ob man nicht Open-Software einsetzen sollte. In einem Brief an den peruanischen Präsidenten warnt der amerikanische Botschafter vor den 'negativen' Auswirkungen einer solchen Politik. U. a. würden 15 000 neue Arbeitsplätze in Gefahr sein. Bill Gates hat dann durch eine Spende von 550.000 Dollar versucht, das Geschehen zu beeinflussen. Diese 550.000 Dollar sollten ausgerechnet für die Vernetzung der peruanischen Schulen verwandt werden. Es ist sehr klar, was er damit bezweckt. Durch den Einsatz von Microsoftprodukten in den Schulen soll der private Kauf solcher Produkte in Peru forciert werden. Eine ähnliche Strategie hat Apple in den USA gefahren, als es darum ging, Computer in die Schulen zu bringen und war dabei sehr erfolgreich. Apple-Computer sind in den USA wesentlich weiter verbreitet als irgendwo sonst auf der Welt. Netzkritik: Nun haben wir genug gemeckert. Es gibt durchaus Ansätze, die auch bei Ihnen Wohlwollen auslösen. Zum Beispiel der Simputer aus Indien, die PC-Produktion in Afrika, im Senegal und in Nigeria ... Uwe Afemann: ... und auch der Volkscomputer in Brasilien. Netzkritik: Dann gibt es auch noch ein Digitalradio für Afrika, inszeniert von der Worldspace Foundation in New York. Ein Direktstrahlender GEO-Satellit übertragt digitale Radioprogramme, darunter auch Bildungsprogramme für den ganzen Kontinent. Teil der Technik ist auch ein Einwegedatendienst mit Lehrmaterial zu Themen wie Gesundheit, Hygiene, Landbau und dergleichen. 30.000 Schulen sollen mit entsprechenden Empfängern ausgerüstet werden, um solche Informationen verfügbar zu machen. Die Idee erscheint aber zu kompliziert und zu teuer. Doch das Radio kann sehr wohl eine Brücke in das Internet bauen. Stichwort Radiobrowser. Was bitte ist ein Radiobrowser? Uwe Afemann: Radiobrowsing hat erst einmal nichts mir dem Digitalradio zu tun. Radiobrowsing bedeutet, dass die Radiostation - sei es eine digitale oder eine analoge - stellvertretend für ihre Hörer im Internet surft und dann die Ergebnisse im laufenden Radioprogramm präsentiert. Solche Initiativen gibt es einmal in Sri Lanka und zum anderen vor allem in Westafrika und in Lateinamerika in den ländlichen Bereichen. Radio Marañon in Jaén im Norden Perus ist z. B. eine solche Station. Diese Initiativen laufen seit ca. zwei Jahren und wurden häufig von der UNESCO gesponsert. Normalerweise reichen die Hörer bei der Radiostation ihre Fragen ein, sei es durch Briefe oder Telefonanrufe, und diese surft dann im Internet und versucht eine Antwort zu finden. Internet ist in den ländlichen Bereich der Entwicklungsländer meist nur schwer zu realisieren. Häufig sind teuere Satellitenverbindungen die einzige Möglichkeit und da die Menschen in diesen Regionen sehr arm sind, ist nur die Radiostation in der Lage eine solche Verbindung zu finanzieren. Der große Vorteil des Radiobrowsing besteht auch darin, dass so auch Analphabeten und Menschen, die keine der im Netz vertretene Sprachen beherrschen, wenigsten indirekt Zugang zu den neuen Medien haben. Netzkritik: UN-Chef Kofi Annan hat die Überwindung der Digitalen Spaltung als eine der größten Herausforderungen für die kommenden 20 Jahre bezeichnet. Sie halten dagegen, die Entwicklungshilfe müsse erst einmal ihre seit Dekaden bestehenden Hausaufgaben zufriedenstellend erledigen, bevor man sich mit PC und Internet befasst. Uwe Afemann: Kofi Annan hat sicher Recht damit, dass die Digitale Spaltung eine große Herausforderung ist, aber eine Priorität in der Entwicklungshilfe ist dies sicher nicht. Das sagen ja auch viele Studien der Vereinten Nationen, jedenfalls die neueren. Es bedurfte eben eines Lernprozesses, um zu erkennen, dass sich die in die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien gesetzten Hoffnungen nicht so schnell erfüllen lassen. Der Niedergang der Start-Ups in der IKT-Branche in den Industrieländern war da eine zwar schmerzhafte aber notwendige Erfahrung. Die Probleme unserer Welt sind nur zum aller geringsten Teil Probleme fehlender Technik. Ihre Lösung hängt viel mehr vom politischen Willen der beteiligten Regierungen und der multinationalen Konzerne ab. Netzkritik: Wie sollten denn ihrer Meinung nach das Ziel der UNO oder die Entwicklungsziele der G8-Staaten formuliert werden, wenn das Thema Digitale Spaltung auf der Agenda stehen? Uwe Afemann: Man sollte nicht so sehr auf die Industrievertreter hören und die Zivilgesellschaft mehr beteiligen, vor allem auch die aus den Entwicklungsländern. Leider ist dies bei den bisherigen Weltgipfeltreffen nicht im ausreichendem Maße geschehen. Insbesondere in der von den G8-Staaten eingesetzten Dot-Force-Kommission waren die NGOs eigentlich gar nicht vertreten. Aus Entwicklungsländern fehlte die Zivilgesellschaft vollkommen und aus Deutschland war z. B. nur das staatliche Zentrum für Entwicklungsforschung aus Bonn (ZEF) eingeladen. Ohne dem ZEF zu Nahe zu treten, kann diese Organisation nur sehr begrenzt als Vertreter der Zivilgesellschaft angesehen werden. Und selbst solche 'NGOs' waren in der Minderzahl verglichen mit der Zahl der Vertreter der Privatwirtschaft. Zudem ist weniger Technikeuphorie und mehr Realismus gefragt und ich wiederhole es noch einmal: Internet, Computer, Telekommunikation sollte keine höchste Priorität in der Entwicklungszusammenarbeit bekommen, es gibt wichtigere Dinge. Aber das wissen sowieso alle in der Entwicklungsarbeit tätigen Personen. 27.10.2003 |
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