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L´attaque-a-claque
Mario Gongolsky
In Paris müssen Plakatkleber heute schon Sonderschichten machen. Jede Woche organisieren sich die Werbegegner neu und treffen sich kurzentschlossen zu weiteren Aktionen am Rande einer günstig gelegenen Metrostation. Bewaffnet mit Spraydosen, Kleinplakaten, Kleister-Quast und Farbeimern stürmen sie, in Aktionsteams aufgeteilt, durch das weitverzweigte Röhrennetz der Metro und drücken den allgegenwärtigen Plakatwänden ihren Stempel auf. Einige Teams springen in einfahrende Züge und versuchen, sternförmig vom Startpunkt der Aktion weitere Metrostationen unter Beschlag zu nehmen. Und so schnell sollte den Werbegegnern nicht langweilig werden. Hätten Sie alle 160 Stationen einmal durch, können Sie eigentlich wieder ganz von vorne beginnen.
Marre la Pub!
Die Aktion, der inzwischen der Claim „Marre la Pub“ (etwa: Die Werbung satt haben ...) zugefallen ist, wehrt sich gegen Konsumterror und Gedankenmanipulation durch die dumpfe Art sich wiederholender Werbebotschaften. Wer in Paris wohnt, der ist täglich mit der Untergrundbahn unterwegs. Für die Marketingstrategen gilt die Plakatwerbung in der Metro als höchst effektiv - Werbung auf dem Weg zum „Point of Sale“, der niemand entkommen kann. Folgerichtig setzen die Initiatoren der Anti-Werbebewegung in erster Linie auf die Metro und tatsächlich kann kein Fahrgast derzeit deren Handlungen entgehen. Unser Fotograf Jeremie Zimmermann hat einer Aktion an seiner Metrostation Bastille beigewohnt und das Geschehen auf zahlreichen Bildern festgehalten. Ein friedlicher und perfekt organisierter Vorstoß sei das gewesen, berichtet er. „Es war nicht zu übersehen, dass man bemüht war, keine weitere Sachbeschädigung zu verursachen. Farbkleckse auf Sitzen wurden sofort abgewischt und niemand hat die Wandkacheln verunziert.' Ausschließlich die Plakatflächen wurden „modifiziert'. Die Aktion vom 8. November 2003 mobilisierte immerhin 500 Werbegegner. Da blieb kein Plakat verschont.
Mit Brecht gegen Werbung
Die traditionsreichen Billboards an den Metro-Bahnsteigen, klassisch verschnörkelte Rahmenkacheln, sollten lieber der Kunst statt dem Kommerz zur Verfügung stehen, so die Forderung der Aktivisten. Besonders hart ins Gericht gehen sie mit sexistischen Plakatkampagnen. „Ich kaufe keine Frauen“, ist da zu lesen und „Stoppt Sexismus“! Natürlich wird in Paris mit schönen Frauen geworben. Da ist es einerlei, ob es sich um einen Südseeurlaub, um eine geschmacklose grüne Billigcouch oder um einen sanften Aperitif handelt; Sex soldes - comme tout le monde. Manches Plakat wird einfarbig überstrichen. Schließlich ziert ein Text von Berthold Brecht, weiß auf rotem Grund, die ehemalige Werbebotschaft. Doch abseits jeder sozialromantischen Verklärung stellen diese Aktionen sehr wohl eine generalstabsmäßig organisierte Sachbeschädigung dar. Mehr noch: Über den Versuch der Werbeverhinderung hinaus wird auch eine Art von Zensur ausgeübt. Eine Zensur, die manche Feministin und einige moralisierende Oberchristen, die sich im Fahrwasser von „Marre la Pub' tummeln, befürwortend in Kauf nehmen.
Die Flics gegen die Internauten
Das Internet als Organisationsmedium ist den Pariser Behörden wie üblich zu schnell. Seit Jahren treibt die Technoszene mit illegalen Veranstaltungen im Untergrund ihr munteres Katz-und-Maus-Spiel mit den Ordnungshütern. Auch „Flash-Mobs“ sind nach wie vor absolut „branché“: Kulinarische Picknicks bei McDonalds, Strandpartys im Supermarkt für tiefgekühlte Lebensmittel, ein Hang zum Subversiven, zum elektronisch geführten zivilen Ungehorsam, scheint unverkennbar und doch - unsympathisch ist der schnelle Protest zwischendurch wahrlich nicht. Am 8.11.2003 griff die Polizei dann doch ein. Am Ausgang der Metrostation Trinité wurden laut AFP 39 Personen zur Feststellung der Personalien vorübergehend festgenommen und waren wenige Stunden später wieder auf freien Fuß. Das Vergehen der so genannten „Degradation“ ist lediglich eine Ordnungswidrigkeit und keine Straftat.
Keine Resistance gegen die Resistance
Ganz offensichtlich trat die Polizei erst auf den Plan, als Passanten die Vorgänge gemeldet hatten. „Nö, die Passanten haben sich gewundert, manche haben gegrinst, viele haben neugierig gefragt, was das Ziel der Aktion ist, aber Protest war nur selten zu hören“, bestätigt Jeremie den stoischen Gleichmut der Pariser Bevölkerung zu derlei Auswüchsen des Demokratieverständnisses. Prostest kommt hingegen natürlich von der Firma Metrobus. Die vermarktet die beliebten Werbeflächen und fordert eine sofortige Schließung der Webseite stopub.ouvaton.org, von der aus ständig zur Sachbeschädigung angestiftet wird. Der Provider lehnt eine Abschaltung mit Verweis auf die aktuelle Gesetzeslage, dem im Juni neu verabschiedeten „Loi sur l´économie numerique“ entschieden ab. Die Inhalte dieser Webseite seien für sich betrachtet vollkommen legal. Ein Widerstand gegen diese Form der Protest-Artikulation ist die Sache der Franzosen nicht, denn die Wut ist mit den Aktionisten: Als die Stopub-Page dann plötzlich doch aus dem Netz verschwunden war, musste sich der Initiator schnell über ein anderes Medium zu Wort melden: „Calmez vous! Nein, keine Staatszensur, sondern nur ein technisches Problem.“ 14.11.2003 |
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