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Dot-Com-Liquidation
Niels Gründel
Schon vergessen: Sonnenbebrillte Yuppies, die Apple einen neuen Umsatzboom bescherten und dankbare Autoverkäufer auch vom hässlichsten Audi TT erlösten? Die nimmer endenden After-Work-Partys mit trunkenen Daytradern, aberwitzigen Webdesignern und offenherzigen Office-Assistentinnen? Es war die Zeit der New Economy, noch gar nicht so lange her. Das im Folgenden thematisierte Buch „Liquide“ ist aber längst nicht das erste Buch, das mit der Internet-Boom- und Hype-Zeit gnadenlos abrechnet. Noch zu den ersten Autoren zählten Andreas Lindenberg mit seinem Werk „Albtraum Neuer Markt - Eine brisante Internetstory vom Aufstieg und Fall eines Zukunftsunternehmens“ und das Autoren-Duo Meschnig und Stuhr mit dem bezeichnenden Titel „www.revolution.de - Die Kultur der New Economy“. Zahllose andere Werke folgten, aber keines ist so geschickt platziert worden wie der Wirtschaftskrimi vom anonymen Autoren „Don Alphonso“. Auf manchen Internetseiten wurde es gefeiert wie ein neuer Harry-Schotter-Band und dürfte sich von daher zumindest für Autor und Verlag so gut rechnen wie die Liquidation einer börsennotierten Aktiengesellschaft.
Besser als Harry-Schotter
Der Roman ist nun aber nicht so schlecht, wie man vermuten könnte und wenn der Autor nicht ein führender Informant von dotcomtod.com wäre, der Internetadresse für 'exitorientierte Unternehmensmeldungen' schlechthin, wäre es wohl auch nicht notwendig gewesen, sich hinter einem Pseudonym zu verbergen. „Eigentlich ist der Mensch hinter Don Alphonso ein wertkonservativer, vertrockneter, früh vergreister alter Sack“, sagt der Autor über sich selbst. Seinen Roman bezeichnet er als Schelmenroman, der einfach Helden braucht: „Man darf die Bezeichnung gern ironisch sehen. Das Einzige, was hier Helden und Schurken trennt, ist die Frage, wer sich marktwirtschaftlich konform verhält. Die Helden stehen für konsequente, brutale Marktwirtschaft. Die Schurken reden zwar laufend von Marktwirtschaft, meinen aber nur persönliche Bereicherung, Betrug und Unterschlagung. Sie sind die real existierende Marktwirtschaft - wenn man so will. Idealismus und Realität, Helden und Schurken stehen sich gegenüber.' Seine Helden, ein Drei-Personen-Team, liquidieren im Auftrag eines Investors börsennotierte Jungunternehmer. Das Buch ist eine Aneinanderreihung zahlreicher amüsanter Klischees, umgesetzt in einen spannend-tragischen Wirtschaftskrimi. Doch Achtung: Nicht jedem wird das Werk trotz des Umfangs und der durchgehend anregenden Lesbarkeit, seinen Preis wert sein.
New-Economy-Ära lebt weiter - nicht nur in Büchern
Alle denken inzwischen, die New-Economy-Ära sei untergegangen. Auf den ersten Blick mag das sogar stimmen, auf den Zweiten aber ganz sicher nicht. Denn die Goldgräber brauchen heute lediglich einen längeren Atem: Schließlich sind die Herren im dunklen Zweireiher, die Powerpoint-Präsentationen mit aufgeblasener Marketing-Sprache und leeren Versprechungen von sich geben, noch immer überall anzutreffen. Die rücksichtslose und brutale Ausbeutung geht nicht mehr so schnell, aber es bieten sich noch zahllose Gelegenheiten beispielsweise bei der Privatisierung von Gewinnen und der Sozialisierung von Verlusten bei der öffentlichen Hand. Die Herren im dunklen Zweireiher treffen gerade dort noch auf zahlreiche unbedarfte Mitarbeiter, die sich als hilfreiche Gesellen immer wieder gerne missbrauchen lassen.
Google-Gagga
Und wer so lange nicht warten kann, sollte sich auf den Google-Börsengang freuen. Derzeit soll der Umsatz der Suchmaschine bei 500 Millionen Dollar liegen, der Gewinn immense 150 Millionen Dollar betragen. Zweifellos eine absolut rekordverdächtige Rendite. Aber das rechtfertigt sicher nicht den Preis von derzeit anvisierten 15 Milliarden US-Dollar. Dafür gibt es nur eine Erklärung: Der New-Economy-Hype hat süchtig gemacht! Eine Fortsetzung von „Liquide“ erscheint daher auf jeden Fall angebracht. Das Buch „Liquide“ ist beim Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf erschienen (ISBN 3-896-02449-3) und kostet 19,90 Euro. 27.11.2003 |
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