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Frankfurts braune Seiten

Martin Brust
Frankfurt hat mit frankfurt1933-1945.de eine ‚Topographie der NS-Zeit‘ ins Netz gestellt - in einer für diese Stadt und ihre Kulturpolitik typische Art und Weise. Beliebte Klischees über Frankfurt sind: Trendsetter, Metropole, Provinz, Geld (= Effektivität). Eine neue Webseite widmet sich nun der ‚Geschichte Frankfurts während der NS-Zeit und deren öffentlicher Reflexion in der Zeit danach‘. Im Vergleich zu anderen großen deutschen Städten wie Hamburg, Berlin oder München ist man damit Trendsetter – Informationen zur Zeit zwischen 1933 und 1945 bieten die offiziellen Auftritte dieser drei nur sehr spärlich und gut versteckt.

Wer nach wie vor der Vorstellung anhängt, dass neue Entwicklungen zuerst in Metropolen geschehen, der kann dem „Metropölchen“ zumindest hier nicht nur die Koseform zugestehen. Wenn man allerdings sein Augenmerk auf die Funktionalität legt, kann selbst vier Wochen nach Freischaltung kaum verborgen bleiben, dass von der gerne beschworenen Effektivität des Geldes in der Navigation städtischer Webseiten nicht viel zu merken ist. Von wegen Wirtschaftsmetropole. Und dass die Hochschule für Gestaltung in Offenbach sitzt, passt angesichts des haaresträubenden Designs hervorragend ins Bild. Neben dem eher überflüssigen Hinweis auf den urheberrechtlichen Schutz des so genannten Designs wird dort auch explizit vor der „öffentlichen Wiedergabe der Inhalte“ gewarnt. Paradox – warum setzt sich die Stadt lobenswerterweise öffentlich mit ihrer Vergangenheit auseinander, um eben diese Auseinandersetzung dann in ihrer Verbreitung zu behindern?

Die vom Dezernat Kultur und Freizeit der Stadt betriebene Seite frankfurt1933-1945.de wird vom Land und einer Stiftung unterstützt und von einer Redaktion betreut, in der das Institut für Stadtgeschichte, Kulturdezernat, Historisches und Jüdisches Museum sowie das Fritz Bauer Institut vertreten sind. Zur Freischaltung und öffentlichen Präsentation am 9. November enthielt es eine Sammlung von 235 Artikeln oder Textdokumenten, 669 Bilddateien sowie fünf Audio- und zwei Videodokumenten zur Geschichte Frankfurts in der NS-Zeit. Das Projekt ist im Fluss und versteht sich, so die Vorbemerkung der Redaktion „nicht als abgeschlossene wissenschaftliche Darstellung des Themas“. Es sei „für eine ständige Weiterentwicklung und Korrigierbarkeit nach neuen Erkenntnissen und veränderten Fragestellungen konzipiert“ und daher offen für Hinweise und Anregungen der Nutzer. Außerdem werden Themen veröffentlicht, zu denen Beiträge in Bearbeitung oder Planung sind. Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff nimmt im Vorwort Bezug auf die „aktuellen Debatten um die Mitwirkung bzw. Beteiligung großer Teile der deutschen Gesellschaft an der Durchsetzung der verbrecherischen Ziele des NS-Staates“, im Rahmen derer auch die lokale Geschichte wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt“ sei. Er erwähnt „Anforderungen an eine moderne und zukunftsorientierte Erinnerungs-, Gedenk- und politisch-historische Bildungsarbeit“, denen das „lokale Netzwerk“ gerecht werden wolle. „Der gezielte Einsatz heutiger Technologien bietet zusätzliche Möglichkeiten einer umfassenden und nutzerorientierten Vermittlung“, so Nordhoff weiter.

Der Kulturdezernent scheint eigenwillige Vorstellungen von den Begriffen „gezielt“ und „nutzerorientiert“ zu haben angesichts einer Webseite, die Ergebnisse der Suchfunktion unterhalb des Bildschirmrandes ausgibt und das Klicken von Links im Nichts erlaubt. Für den „schnellen Zugriff“ ist vermutlich eine Direktverbindung zum Server erforderlich, mit einer banalen DSL-Verbindung brauchen viele Seiten halbe Ewigkeiten bis auf den Schirm. Fast ebenso schlimm ist die wenig nutzerorientierte Steuerung und Navigation, die umständlich und auf Anhieb nur schwer zu durchschauen ist. Der Hinweis „Durch ein- bzw. zweimaliges Klicken hier kommen Sie zurück zum Artikel bzw. Index“ spricht Bände und es darf gehofft werden, dass zumindest die gröbsten Schnitzer in die Kategorie „die üblichen Startschwierigkeiten“ einzuordnen sind.

Es ist bedauerlich, dass über die technische Seite so viele Worte verloren werden müssen. Deshalb soll über die Gestaltung lieber gänzlich geschwiegen werden. Aber gerade angesichts des eklatanten Missverhältnisses zwischen den selbst gesetzten Maßstäben und der Realität ist es unvermeidlich, auf die Nutzbarkeit einzugehen. Wer will schon Navigationserklärungen lesen müssen, um eine Webseite zu nutzen. Auch das Fehlen einer englischen Sprachversion muss angemerkt werden. Partielles Scheitern bei gutem Willen entspricht der in kulturellen Fragen vielleicht gut gemeinten, aber nicht gut gemachten Stadtpolitik und konterkariert diese an sich sehr lobenswerte Initiative. Gerade im Vergleich zur damaligen wie heutigen Hauptstadt und zu München, der „Stadt der Bewegung“, hebt sich der Frankfurter Umgang mit der Stadtgeschichte dieser Zeit positiv ab. Berlin findet, mit einer Chronologie aus dem Bertelsmann-Verlag sei der Geschichtsdarstellung Genüge getan und München belässt es bei drei Einträgen in der Stadtchronik. Auf der Frankfurter Seite kann die Lokalgeschichte über einen räumlichen Zugang erforscht werden, in dem Orte auf drei interaktiven Karten aufgesucht und zugehörige Informationen abgerufen werden können. Außerdem können über eine Zeitleiste und über eine Sammlung von Beiträgen Zugänge gefunden werden, grundsätzlich ist das System in acht verschiedene Themenblöcke aufgeteilt.

Gut gestartet, aber zu kurz gesprungen. Schade, die Inhalte hätten besseres verdient und das Thema sowieso. Und die Nutzer? Für die hat sich die Stadt Frankfurt noch nie sonderlich interessiert.

Artikel mit freundlicher Genehmigung von liga6000.de.

16.12.2003






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