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Freies Netz für freie Bürger (Teil 2)


Ausschnitt aus der Berliner Community Friedrichshainer WlanHain
Quelle: WaveLan-Berlin e. V.
Ein freies Bürgernetz als demokratische Alternative zum kommerziell geprägten Internet? Netzkritik setzt das Gespräch mit Jürgen Neumann, dem Mitinitiator von freifunk.net, fort und spricht im Folgenden nicht nur über die Chancen, sondern auch über die Technik.

Netzkritik: Dann sprechen wir doch auch noch über die Chancen freier Bürgernetze, nachdem nun die typisch deutschen juristischen Bedenken geklärt sind ...

Jürgen Neumann: Es gibt zwei wesentliche Chancen: 1) schneller und billiger ins Internet und 2) freie Kommunikation. Es gibt den Begriff der „digitalen Spaltung„. Er bedeutet, dass ein großer Teil der Menschheit keinen Zugang zu digitalen Informations- und Kommunikationsmedien hat. Das Internet ist das größte Lexikon der Welt. Es umfasst Wörterbücher, Enzyklopädien, Nachrichten und Lehrfilme - um nur einige Beispiele zu nennen. Es ermöglicht, dass Menschen sich unabhängig von ihrem Standort austauschen und gemeinsam themenbezogen zusammen arbeiten können. Der Umgang mit diesem Medium wird zu einem entscheidenden Faktor in der Ausbildung der nächsten Generationen.
Auch wenn man es nicht glauben mag, muss man gar nicht auf die Südhalbkugel der Erde blicken, um zu sehen, dass viele Menschen keinen Breitbandinternetanschluss haben. Jenseits der Metropolen ist kostengünstiges DSL nur selten verfügbar.
Mit WLAN steht diesen Regionen nun eine Technologie zur Verfügung, um diesem Umstand in Eigeninitiative entgegenzuwirken. Dabei ist der wesentliche Punkt, dass die Technik preiswert ist und legal und lizenzfrei von jedem eingesetzt werden kann. In ganz Europa entstehen Initiativen, die die Vernetzung per WLAN vorantreiben, um den Menschen in ihrer Umgebung einen preiswerten und ausreichend schnellen Zugang zum Internet zu ermöglichen.
Freie Kommunikation geht weit darüber hinaus, wie das Internet heute von den meisten genutzt wird. Mit der Kommerzialisierung des Netzes ging einher, es zunehmend als Einbahnstraße zu betreiben. Der Content kommt aus dem Netz zum Kunden. Das ‚A’ in A-DSL steht für asymmetrisch. Der wesentlich langsamere Upstream und die Tatsache, keine eigene feste IP-Adresse zu haben, führen dazu, dass der Mensch am Ende des Kabels nicht in der Lage ist, selbst zum Anbieter von Inhalten zu werden. Sein Computer zu Hause ist für andere nur zufällig erreichbar, so als würde sich seine Telefonnummer alle 24 Stunden ändern. Daraus folgte, dass das Internet heute hauptsächlich zum Betrachten von Websites und zum Austauschen von E-Mails genutzt wird. Jeder, der mehr damit machen möchte, muss viel Geld dafür bezahlen - soviel, dass es sich die Wenigsten leisten können, einen symmetrischen Internetanschluss mit fester IP-Adresse zu haben.
Andererseits haben viele Informationen einen lokalen Bezug. Die meisten Menschen, die ich kenne, leben in meiner näheren Umgebung. Mich interessiert, was im Kulturzentrum um die Ecke läuft. Soziale Netze sind zum aller größten Teil auch lokal.
Mit WLAN ist es möglich, innerhalb dieses lokalen Raums, jede - theoretisch auch im Internet mögliche - Form des Datenaustauschs schnell und kostenlos zu betrieben. Der Jugendclub an der Ecke kann sein eigenes Radioprogramm via WLAN anbieten. Sogar Bildtelefonie kann kostenlos genutzt werden. Jugendliche rennen heute oft in die Schuldenfalle, weil sie für das Versenden von SMS und Telefonieren eine Unmenge Geld ausgeben. Der größte Teil dieser Kommunikation ist dabei absolut lokal. Mit WLAN können sie sich ihr eigenes Netz bauen und dann nicht nur kostenlos miteinander telefonieren, sondern auch Spiele über das Netz spielen etc. Der ganze Bereich der Medienpädagogik erfährt völlig neue Möglichkeiten.
Im Prinzip geht es darum, ein Bewusstsein für Kommunikationsfreiheit zu schaffen, und zu erkennen, dass es sich dabei um ein Grundrecht handelt, das weder vom Staat noch von der Wirtschaft erfüllt werden kann. Wir müssen uns also selbst darum kümmern und können dies dank WLAN erstmalig auch relativ einfach und legal tun. Das kann aber nur ein Anfang sein. In der Zukunft muss es darum gehen, diesen Freiraum weiter auszudehnen und beispielsweise mehr freie Frequenzräume zu schaffen oder auch Kabelnetze in Gemeineigentum zu überführen, wie dies in einigen nordeuropäischen Ländern bereits der Fall ist.

Netzkritik: Welche Distanzen kann ein WLAN überbrücken? Gibt es dabei Probleme mit elektromagnetischer Strahlung?

Jürgen Neumann: Welche Distanzen per WLAN überbrückt werden können, hängt vor allem von den eingesetzten Antennen ab. Je nachdem, wie stark die Antenne das Signal bündelt, können größere Reichweiten überbrückt werden. Das geht im Extremfall bis über hundert Kilometern hinaus. In der Regel reicht es aber, Distanzen von wenigen hundert Metern bis Kilometern zu verbinden. Die hierfür benötigten Antennen kosten etwa 40 bis 100 Euro oder können für wenige Euros selber gebaut werden.
Die elektromagnetische Emission von WLAN ist vergleichsweise gering und liegt deutlich unter der eines Handys. Hinzu kommt, dass die Stärke der Strahlung mit dem Abstand zur Strahlenquelle stark abnimmt. Je weiter ich von einer Strahlenquelle entfernt bin, desto geringer ist deren Einfluss auf meinen Körper. Ein Handy halten wir uns an den Kopf, WLAN-Antennen baut man idealer Weise auf das Hausdach. Im Haus sollte man, wenn möglich per Kabel vernetzt sein, um unnötige Strahlenquellen zu vermeiden.

Netzkritik: Wie setzt sich das freifunk.net zusammen? Obliegen den Teilnehmern dabei bestimmte Rechte oder Pflichten?

Jürgen Neumann: freifunk.net ist eine Initiative und kein Verein. Es ist ein loser Zusammenschluss von Menschen, die sich für ein gemeinsames Thema interessieren. Jeder der will, kann etwas dazu beitragen.

Netzkritik: Welche technische Ausstattung benötige ich als Teilnehmer und welche Kosten sind damit verbunden?

Jürgen Neumann: Wenn ich mich mit anderen Menschen in meiner Umgebung vernetzen möchte, dann benötige ich für größere Distanzen zu aller erst eine Sichtverbindung dort hin. WLAN kann sehr leicht durch Hindernisse gestört werden. An technischen Geräten benötige ich einen so genannten Accesspoint (ca. 70 bis 100 Euro) und eine geeignete Antenne, in Abhängigkeit der zu überbrückenden Reichweite. Dazu noch etwas Kabel und Montagematerial, so dass ich mit 150 bis 300 Euro eigentlich in fast jedem Fall auskommen sollte.

Netzkritik: Besteht nicht eine Konkurrenz zu den Angeboten und Gewinnbestrebungen kommerzieller Anbieter?

Jürgen Neumann: Für unsere Initiative sehe ich keine Konkurrenz in kommerziellen Anbietern mit Gewinnbestrebungen. Die würden erst dann zur Konkurrenz, wenn sie auch kostenlose und freie Kommunikation anbieten würden. Damit ist aber erst mal nicht zu rechnen.

Netzkritik: Begreift sich die Idee von freifunk.net als alternativer Zugangsweg zum Internet?

Jürgen Neumann: Da das Internet nach allen Seiten abgegrenzt ist, und nur wer zahlt, auch Zugang erhält, können wir auch keinen alternativen Zugangsweg liefern. Allerdings können sich Menschen die Kosten für den Internetzugang auch jenseits der eigenen vier Wände per WLAN teilen. Oder es können auch Menschen einen Teil ihrer Internetzugänge, die sie ja bezahlt haben, verschenken. Dann müssen andere dafür nicht noch einmal bezahlen. Das Eigentumsrecht legitimiert sie dazu.
Richtig interessant wird WLAN dort, wo es gar keine Alternative gibt. In vielen ländlicheren Regionen Deutschlands und Europas gibt es keine bezahlbaren Internetzugänge. Da bleibt den Leuten gar nichts anderes übrig, als sich selbst per WLAN zu vernetzen und sich dann einen teuren Internetanschluss gemeinsam zu teilen. Das prominenteste Beispiel hierfür dürfte derzeit das Djursland sein, wo sich 1.200 Haushalte per WLAN miteinander vernetzt haben.

Netzkritik: Bis wann soll in Deutschland ein funktionierendes Bürgernetz etabliert sein, was sind Ihre nächsten Projekte?

Jürgen Neumann: Wann es deutschlandweit funktionierende freie Netze gibt, liegt ganz in den Händen der Menschen in diesem Land. Jeder Einzelne muss sich entscheiden, selbst einen eigenen Beitrag dazu zu leisten. Wir können nur versuchen, die Idee davon zu verbreiten und Hilfestellungen dazu zu leisten.
Eines unserer nächsten Projekte ist die diesjährige „freifunk.net summer convention', eine große Veranstaltung im September, zu der wir alle Neugierigen und Interessierten einladen. Sie findet dieses Jahr in Djursland, Dänemark statt, wo Netzwerk-Communities aus vielen Regionen der Erde sich und ihre Projekte vorstellen werden. Allen voran natürlich das DjurslandS.net, wie ich schon sagte, ein Community-Netz mit über 1.200 angeschlossenen Haushalten. Weitere Informationen dazu werden wir in den kommenden Wochen auf unserer Webseite zur Verfügung stellen.


6.5.2004





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