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Krieg und Internet: Ausweg aus der Propaganda?

Mario Gongolsky
Im Auftrag des Heise-Verlages geht der erfahrene Ct- und Telepolis-Autor Stefan Krempl der Frage nach, ob sich das Internet als alternative, propagandafreie Zone im Informationsmix informierter Bürger bewähren kann. Während Krempl die Inhalte und Diktion der New York Times, der Süddeutschen Zeitung und der Mailingliste Nettime im Bombenhagel auf Ex-Jugoslawien und im Verlauf des Feldzugs gegen Saddam Hussein vergleichend seziert, verlieren Autor und Leser gleichermaßen den Faden.

Und das ist richtig schade, weil es Krempl im ersten Drittel seines gut lesbaren Buches mit großer Leichtigkeit gelingt, eine wirklich fabelhafte Bestandsaufnahme der Massenmedien im Dunst einer immer ausgefeilteren Regierungs-Propaganda zu verfassen. Mehrfach spricht er aus, was viele denken: Was bitte unterscheidet eigentlich die Propaganda demokratischer Staaten im Vergleich zu den von ihnen ins Visier genommenen diktatorischen Regimes? Dazu lässt er eine Vielzahl von nachweislichen Unwahrheiten, die das Nato-Oberkommando und das Pentagon verbreitet haben, noch einmal chronologisch Revue passieren und markiert zugleich das Versagen von Fernsehen, Radio und Zeitungen, das Dickicht an gezielten Fehlinformationen zu lichten. Bei dem Aufwand, mit dem demokratische Regierungen versuchen, der Öffentlichkeit ihre Geschichte durch Lancierung fehlgeleiteter, verharmlosender Begrifflichkeiten wie zum Beispiel 'Kollateralschaden' oder 'chirurgische Kriegsführung', Entscheidungsbegründungen auf Basis geheimer und eben der Öffentlichkeit unzugänglichen Nachrichtendienstquellen unterzujubeln, kann von Waffengleichheit mit der Presse längst keine Rede mehr sein.

Der Frage, ob das Internet einen Ausweg aus der Propaganda darstellen kann, begegnet der Autor augenscheinlich angenehm ergebnisoffen. Sehr gründlich trennt er Beispiele, externe Meinungen und lässt sich nur selten zu Kommentaren hinreißen. Auch die Erfolgsgeschichte von Mailinglisten und des Bloggens, lässt er noch herrlich am geistigen Auge des Lesers vorüberziehen. Seine Beobachtungen zu den inhaltlichen Wendepunkten des Bloggens sind so treffend und bissig geschrieben, dass ich den Antrag auf Befangenheit des Autors, wegen eigener Bloggingtätigkeit gerne ausschlagen möchte.



Viel Analyse, wenig Erkenntnis


Ab Seite 100 begibt sich der Autor in die Analyse der Informationsleistung am Beispiel der Kosovo-Krise und des Irak-Krieges. Ab wann und in welcher Häufigkeit haben die New York Times, die Süddeutsche und die Nettime-Mailingliste Beiträge zum Thema Kosovo veröffentlicht? Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte der Berichte gewesen, welche Positionen nehmen diese Medien in der Sache ein, wie reagieren diese Medien auf Kritik, wie hoch ist die Fähigkeit zur Eigenreflexion? Man muss diese Fleißarbeit anerkennen, aber trotz endloser Inhaltsanalysen mit vielen Artikel- und Kommentarzitaten ist der Erkenntnisgewinn im Vergleich zum Manuskriptvolumen letztlich enttäuschend. Das gleiche Prozedere wiederholt der Autor für den Irak, um hier Änderungstendenzen aufzuzeigen.

Erst auf den letzten Seiten findet das Buch wieder zu den Auftakttugenden zurück und liefert einen blendenden Abriss zum Thema War-Blogs und deren Qualitäten, die der traditionellen Kriegsberichterstattung und erst recht dem eingebetteten Journalismus etwas Neues entgegen zu setzen weiß.



User und Looser?


Zu kurz kommt aber die Diskussion darüber, welche mediale Wirkung dem Internet als echte Informations-Alternative wirklich zu kommt. Themen wie Infowar und Netzzensur kommen zwar zur Sprache, aber bei der ganzen inhaltlichen Analyse setzt Krempl auf 'kleine Fische', denn insgesamt ist die respektable New York Times im US-Mediengetriebe kaum mehr als ein Sandkorn, was ihre Reichweite betrifft. Die Mailingliste der Netzkritik-Erfinder Loving und Schultz, so verdienstvoll sie auch für das Verständnis des Cyberspace als sozialem Raum sei, ist gelinde gesagt ein intellektueller Debattierclub ohne meinungsbildende Schlagkraft. Wenn das Internet einen Ausweg aus der Propagandafalle darstellt, dann ist es ein Ausweg für eine kleine Bevölkerungsminderheit. Stefan Krempl erkennt das Problem einer Meinungskluft zwischen 'Usern' und 'Loosern' auf den letzten zwei Seiten seines Buches und damit leider viel zu spät.


Fazit


So lohnt sich das Buch ganz bestimmt für alle, die an einer nachträglichen Analyse der Berichterstattung während des Nato-Bombardements gegen Serbien und des Irakkriegs interessiert sind. Wer einen Überblick über Propagandainstrumente im Internetzeitalter und möglicher elektronischer Gegengifte haben möchte, wird hier wenigstens streckenweise ordentlich informiert. Immer auf dem Laufenden bleibt man, wenn man das buchbegleitende Blog des Autors Spindoktor.de aufruft. Dort findet man viele Links und interessante Berichte über den propagandistischen „Spin“ in den Nachrichten zum aktuellen Weltgeschehen.

11.5.2004






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