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Artwar: Weck vom Tägg

Mario Gongolsky
Städte beklagen Sachschäden in sechsstelliger Euro-Höhe durch Vandalismus und Sachbeschädigung. Graffiti-Kunst ist nach wie vor Provokation. Ihre neue Spielart probt da eine eher ängstliche Rebellion. Paketaufkleber der Deutschen Post AG sind die Leinwand, die Rückseite von Verkehrsschildern dient als Galeria publis. Ob verklemmte Sozialkritik oder nicht, künstlerisch ist es eine Fortentwicklung, weg vom Tag.

Sind Sie Ihnen schon aufgefallen, die bemalten Postaufkleber, von denen in Deutschlands Innenstädten kaum noch ein Lampenmast, Verkehrsschild oder Ampelgehäuse verschont bleibt? Achten Sie beim nächsten Spaziergang einmal darauf. Sie werden überrascht sein.

„Artwar”, murmelt ein Freund, der mich erstmals auf diese Aufkleber an der Rückseite von Straßenschildern aufmerksam gemacht hat. Sorgten einst großformatige Graffitis auf Bussen und Hauswänden für Angst und Unkosten und beschränkten sie sich vormals im Wesentlichen auf Initialen-Schriftzüge oder komprimierte Kommentare wie „Fuck the Army” oder „DoggyStylez”, sorgen nun verzierte Paketaufkleber für eine Revolution im Format 10 x 15 cm.



Klebrige Vielfalt


Mit der Verwendung von Lampenmasten und Schilderrückseiten entfernt sich diese Straßenkunst von Vandalismus und Sachbeschädigung. In erkennbarer Weise steht nicht der Sachschaden, sondern eine Form des künstlerischen Ausdrucks im Vordergrund.

Filzstifte, Sprühschablonen-Bilder, Airbrush, Linoleum-Stempel, Street-Art ist nicht mehr unter Verfolgungswahn gesprühte Sinnlosigkeit, sondern sorgfältig geplante Arbeit. Neuerdings tauchen sogar Skulpturen aus Pappmaschee auf und erweitern das gestalterische Repertoire. Der Schilderwald unserer Innenstädte lädt täglich zur Vernissage ohne Abendgarderobe und Firlefanz ein. Das Trottoir, wie der Bürgersteig im Rheinland gern genannt wird, ist der heimliche rote Teppich für die im Dunkeln lebenden Galionsfiguren der Szene.

Fotos: C. Lüders



Jagd auf die INF-Crew


In Bonn ermittelt eine Sonderkommission der Polizei, um die so genannte INF-Crew dingfest zu machen. INF, das Graffiti-Tag kennt jeder Bonner, der mit wachen Augen durch die Stadt läuft. Zahllose Trafokästen und Gebäude tragen dieses INF-Signet. Auf den neuen, vergleichsweise harmlosen Paketaufklebern finden sich Begriffe wie „Artwar” und „Join the INF-Crew!”, freilich ohne nähere Angaben zum Rekrutierungsbüro. Angeblich sollen etwa 20 Personen der INF-Crew zugehören. Hinweise auf die Herkunft INF-Crew fand Netzkritik in Form einer Danksagung auf einer Abitur-Jahrgangs-Homepage.

Wer die Bonner „Artwar” länger studiert, kommt aber recht schnell zu dem Ergebnis, dass viele Arbeiten zwar der INF-Crew zugeschrieben werden, dies aber ebenso gut nur der Versuch sein könnte, die Verursachung eines Schadens auf die INF-Crew abzuwälzen. Zu unterschiedlich die künstlerischen Ausdrucksformen und Reifegrade, um auch nur anzunehmen, dass man es in Bonn wirklich mit einer Rotte gelangweilter 19-jähriger Abiturienten zu tun zu hat.

Für die Bonner Staatsanwaltschaft sind die Paketaufkleber jedenfalls kein Thema. Oberstaatsanwalt Apostels hierzu: „Eine Sachbeschädigung muss eine Substanzverletzung der beschädigten Sache nach sich ziehen. Bei einem Graffiti ist ein stark erhöhter Reiningungsaufwand zu betreiben.“ Auf die Paketaufkleber trifft dies nicht zu. Derartige Schandtaten sollten sich im Bereich einer Ordnungswidrigkeit bewegen.



2004: Jahr des Aufklebers


Bonn hat seine INF-Crew, als Synonym der lokalen Kunst-Guerilla, in Berlin ist es die Linda oder Tower, die zu den prominenten Akteuren zählen und allen gemein ist, sie bleiben lieber anonym. Die Kunstform gehört zum Post-Graffiti-Zeitalter und sie sucht mit ihrer Zaghaftigkeit eine höhere öffentliche Akzeptanz. Begonnen hat die neue Klebewelle erstmals im Jahr 2002; aber das Jahr 2004, so bewertet das Wiener Institut für Graffiti-Forschung, ist das Jahr des Aufklebers mit einer explosionsartigen Verbreitung in Europa. Ihren Ursprung hat die Klebeidee in der sogenannten Pochoir-Szene, der Schablonen-Kunst: „Einige Graffiti-Künstler benutzten Schablonen, um ihre Bilder schneller an die Wand sprühen zu können. Wenn sie ihr Werk genügend oft gesprüht hatten, klebten sie zum Abschluss die Schablone an die Wand. Daraus haben sich diese Klebebilder entwickelt“, erklärt Norbert Siegl, Mitbegründer des Wiener Instituts.

Der Begriff „Artwar” taucht indessen erst seit Neuerem auf. Während die Ursprünge der deutschen Sticker-Strömung eher darauf verweisen, dass die Städte in Deutschland keine bezahlbaren und für neue Künstler zugänglichen Ausstellungsräume zur Verfügung stellen können und man deshalb mit seiner Kunst die Straße als Ventil zur Darstellung verwendet, formuliert „Artwar” eine Kritik am Kommerz. Damit tauchen plötzlich Parallelen zur belgischen und französischen Anti-Werbe-Agitation auf, aber zugleich auch Zweifel, ob sich die Meisterinnen und Meister der Klebekunst nicht einfach selbstgefällig eine gesellschaftliche Intension auf die Stirn pappen, der sie inhaltlich kaum gerecht werden.



Gesellschaftliche Aussage gesucht


Die jungen Wilden in ihrem Kunst-Krieg kritisieren angeblich die Zwiespältigkeit in der Bevölkerung, sich von großformatigen Tags auf Hauswänden in Rage bringen zu lassen, der allgegenwärtigen Verkleisterung mit legalen Reklametafeln aber völlig gleichgültig gegenüberzustehen. Da fragt man sich natürlich, weshalb man einen Krieg gegen Lampenmasten und Straßenschilder führt, was eher nahe legt, dass die Gruppe sich für unbeleuchtete oder verkehrsberuhigte Städte stark macht.

Der direkte Angriff auf das Werbeplakat, wie er vor allem in Frankreich geführt wird, hat eine gesellschaftliche Diskussion über Werbung und Manipulation losgetreten, der sich, wenngleich in umstrittener Diktion, auch alle seriösen Massenmedien angenommen haben. Le Monde diplomatique Nr. 7358 vom 14.5.2004, FRANÇOIS BRUNE

Neben blindem Protest hat sich auch hier eine Nische für eine Kunstform entwickelt, die das Werbeplakat um neue Elemente erweitert, modifiziert, konterkariert, um ihm eine neue Aussage zu geben. Culture-Jamming am Plakat, als ziviler Ungehorsam.



Kommerzialisierung des Subversiven


Wie schwer es doch ist, subversiv zu sein, lässt sich am ehesten daran erkennen, dass schlaue Aufkleber-Druckereien mit einem Stickerservice für Straßenkünstler werben. Auf stickerlove.com wird die Massenfertigung von Klebekunst beworben, gegen Cash versteht sich. Manch ein Künstler überlegt sich das. Der Kleber in Serie, das ist ja fast wie die Veröffentlichung eines Bildbandes, für das eigene heimische Regal.

Naturgemäß sind die einzelnen Künstler nicht im Netz präsent. Die Szene in ihrer Gesamtheit hat aber sehr wohl ihre Portalseiten. Wer sich über die Kunst abseits des kommerzialisierten Kulturbetriebes interessiert, der sollte sich in jedem Fall mal ein Update unter rebelart.net gönnen. Hier gibt es Informationen zu allen Strömungen der Streetart in gut verständlicher Form. Auch die Seite graffitiart.de ist spannend und informativ. Wer in diesem Forum mitliest, ist den Künstlern schon reichlich Nahe. Im Forum finden sich sogar viele Linkverweise auf Künstler-Homepages. Ein gewagtes Unterfangen? Vielleicht, aber wäre der Schweizer Harald Naegeli nicht gefasst worden und ins Gefängnis gewandert, die Öffentlichkeit hätte dem Graffiti, das er übrigens keinesfalls erfunden hat, keinen Namen zuzuordnen.

17.8.2004






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Anti-Werbe-Agitation

Täck two: Die Subkultur ist mit uns


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