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DDR-Halbleiter

Mario Gongolsky
Der Funkverlag Bernhard Hein aus Dessau betreibt mit einer ganzen Reihe von Büchern eine Art Industrie-historische Denkmalspflege an den technischen Kuriositäten und Errungenschaften der DDR. Mitunter ein Teil deutscher Geschichte. Geschichte, die andernfalls in Vergessenheit geraten würde. Mit dem Buch „Die Geschichte der Mikroelektronik – Halbleiterindustrie in der DDR“ von Peter Salomon steht nun auch Elektronikbastlern und Computer-Nostalgikern ein Buch zum Schmunzeln und Staunen zur Verfügung.

Die Halbleiterindustrie hatte es in den Gründungsjahren der DDR nicht leicht: „No, wie viel Donnen Stahl könn ihre Dranstoren denn erzeugn?“ Die Frage macht klar, die Parteispitze war sehr auf Produktionszahlen fixiert, der Wert der Halbleiterentwicklung wurde unterschätzt und ihre Entwicklung hatte wenig Priorität. Dem Autor Peter Salomon, lange Jahre mit der Anwendung und Einführung der Mikroelektronik in der DDR befasst, geht es nicht um Ostalgie oder der Aushebung technologischer Gräben zwischen Ost und West, sondern um eine korrekte Darstellung der Bemühungen, unter welch widrigen Entwicklungs- und Produktionsbedingungen der Abstand der Halbleiterentwicklung zum Weltstandard verkürzt werden sollte und zu begründen, weshalb der Rückstand keineswegs aufzuholen war.



Planerfüllung zwischen Nachbau und Eigenentwicklung


Wer ein vergnügliches Lesebuch erwartet, wird enttäuscht. Salomon wirft einen chronologischen Blick in die Sortimentsentwicklung sämtlicher Halbleiter-Fertigungsstätten der DDR und benennt alle Meilensteine, Fehlschläge und Parteiaufträge. Neben zahlreichen Eigenentwicklungen, von denen nur wenige erfolgreich verfolgt werden konnten, ging es bei der Aufholjagd um die Deckung vorrangigen Bauteilebedarfs. Hierzu mussten zügig Bauteile von Texas Instruments, Intel oder RCA kopiert werden. Selbst wenn die Kopie gelang, waren die Fertigungskapazitäten meist sehr gering. Immerhin ermöglichten die Bauteilkopien den begrenzten Einsatz von US-Bauteilen, die unter den abenteuerlichen Wirren des COCOM-Embargos beschafft werden mussten.

Aber das ist nur eine Seite. Eine andere Seite ist das Verzetteln der Ressourcen in die parallele Entwicklung von Bauteilen, die ebenso gut hätten aus der CSSR oder aus der UdSSR bezogen werden können. Auch zwischen den sozialistischen Bruderstaaten gab es eine Außenhandelsbilanz und die DDR wollte unabhängiger von Ostimporten werden. Den Russen wurde international zwar ein hohes Entwicklungspotenzial nachgesagt, in der Praxis waren viele bejubelte Entwicklungen aber ganz offensichtlich nicht in der benötigten Qualität und Stückzahl zu produzieren, weshalb sie auch für die DDR kaum zu beschaffen waren.

Vom ersten Germanium-Spitzentransistor 1NC010 aus dem Jahre 1954 spannt sich die Liste der wichtigen Bauelemente zum Beispiel bis zum CSSR-Import des IC mit der Bezeichnung MBA530, der den in der DDR-üblichen SECAM-Farbfernsehempfang, aber eben auch den PAL-Fernsehempfang des Westens in sich vereinte. Preiswerte Nachbauteile aus der DDR sorgten auch in Westdeutschen Fernsehapparaten von Braun und Privileg für ein gutes Bild.



Die 80er im Zeichen des Mikroprozessors


Mit dem UD808D präsentierte die DDR 1977 ihren ersten Mikroprozessor in nicht mehr ganz taufrischer pMOS-Technik. Der Mikroprozessor war dem fünf Jahre alten Intel 8008 nachempfunden. 1980 wurde hingegen ein Mainboard mit 2,5-MHz-Prozessor - ein Z80-Klon - als System mit serieller Schnittstelle und Timerbaustein präsentiert.
1984 lief ein Derivat des inzwischen fünf Jahre alten Zilog Z8000 unter der Bezeichnung U8002D vom Band. Den Prozessor gab es zwar in ausreichenden Stückzahlen, aber die Allianz der Intel-Architektur unter Microsoft mit MS-DOS waren das Maß der Zeit. Zur computergestützten Fertigungsautomatisierung gab es also andere Rechnertypen, die mit einem DDR-Unix namens WEGA liefen.

Weitere Highlights sind die 1984 präsentierten DDR-Heimcomputer mit Bezeichnungen wie HC900, KC85/1 oder der Z1013 Computerbausatz, allesamt technische Meilensteine, für die heute hohe Liebhaberpreise gezahlt werden müssen und freilich alles Geräte, die an uns „Wessis“ völlig spurlos vorbei gegangen sind.

Für langjährige Elektronikbastler und lötkolbenerfahrene Radio- und Fernsehtechniker sollte das Buch eine erstaunliche Fundgrube sein. Für den technisch interessierten Normalleser ist die Bauteilgeschichte von Bauarten und Typenbezeichnungen hingegen anstrengend. Manchmal liegen die Erkenntnisse in den Kommentaren des Autors, indem er die DDR-Entwicklung mit dem technischen Stand des Westens vergleicht. Ein schönes Stück konservierter Technikgeschichte, inklusive kompletter Typenliste ist das Buch aber allemal.

19.8.2004






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