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Halbleiterindustrie der DDR (Interview)

Mario Gongolsky
In seinem Buch „Die Geschichte der Mikroelektronik – Halbleiterindustrie in der DDR” steckt neben zahlreichen Bauteil-Historien viel Hintergründiges über das Arbeiten und Wirken in den vielfältigen Institutionen der Halbleiterbauelemente-Entwicklung. Grund genug, dem Autor Peter Salomon einige Fragen zu stellen.

Netzkritik: Sie nennen etliche Gründe, weshalb die Halbleiterentwicklung der DDR ihren Rückstand auf die Weltspitze nicht aufholen konnte. Welcher Grund war Ihrer Meinung nach der Entscheidende?

Salomon: Das ist schwierig zu sagen, weil die Ursachen miteinander in Verbindung standen. Eine der bedeutendsten war aber das COCOM-Embargo. High-Tech-Technologien - und dazu gehört die Halbleiterei allemal - konnten von der DDR auf normalem Wege nicht käuflich erworben werden. Auch aus wirtschaftlichen Gründen war ein Nachbau vielfach sinnvoller, denn die kleine DDR als Exportland war außerstande, weltweiten Bauteile-Support für exportierte Maschinen und Anlagen zu gewährleisten. Letztlich blieb nichts anderes übrig, als die Halbleitertypen nachzubauen, die sich andernorts bereits bewährt hatten.

Netzkritik: Die ersten Führungsköpfe der Halbleiterentwicklung waren Forscher. In anderen Länder der Welt haben Produktentwickler die Strategie festgelegt. Bedingte dies einen anderen Ansatz?

Salomon: Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre musste man seitens der Forschung Überzeugungsarbeit leisten, dass die Halbleitertechnik große Bedeutung erlangen würde. Das war wohl in Ost und West so. Strategien zu konkreten Erzeugnisentwicklungen wurden aber von den dafür zuständigen staatlichen Organen (VVB, später Kombinatsleitung, bzw. dem damit beauftragten VEB AEB) entwickelt und mit den Anwenderindustrien abgestimmt.

Netzkritik: Die DDR-Bauteilkopien waren in vielerlei Hinsicht hilfreich. So konnte bei Produktionsengpässen auf zugekaufte Bauteile zurückgegriffen werden. Haben Sie eine Ahnung, wie groß die trotz Embargo zugekauften Bauteilmengen waren?

Salomon: Da muss man unterscheiden. Nicht alle Bauteile standen auf der Embargoliste. Bei den High-Tech-Bauelementen der Computertechnik hingegen konnte man so einfach keine Teile auf dem Weltmarkt beschaffen. Bei den Bauteilen, die anfangs trotz Embargo auf DDR-Platinen zu finden waren, wurden die internationalen Typenbezeichnungen gegen Phantom-Typenbezeichnungen ausgetauscht. Ende der 80er Jahre wurden für einen Innovationsschub ganze Bauteilsätze für Computer in 10.000er Größenordnung „beschafft”.

Netzkritik: In der DDR wurden TTL-Bauteile nicht TTL genannt, sondern Schaltkreis in Halbleiterblocktechnik ...

Salomon: Ja, anfangs durften die nicht TTL genannt werden. Das hing an der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion zusammen. Mit der eigenständigen Bezeichnung sollte gezeigt werden, dass man hier mit der Sowjetunion zusammen entwickelt hatte. Im übrigen waren die Entwicklungen in der Sowjetunion stark militärisch geprägt. Für die DDR-Bauteile gab es somit starke Nachfrage im Osten, d. h. im gesamten RGW (Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe), die nur selten befriedigt werden konnte.

Netzkritik: Manches Bauteil war für Elektronikbastler interessant. Sie erwähnen zum Beispiel das HF-Bauteil zum Bau eines UHF-Konverters für den ZDF-Empfang. War die Beschaffung ein Problem?

Salomon: Es gab zwei Etappen. Mit Röhren war es beschaffungsmäßig weniger das Problem, Hauptsache man konnte gut „klempnern”. Bei den Halbleitern gab es viele kleine Privatimporte, beim Besuch der Oma im Westen. So zwei oder drei kleine Transistoren ließen sich immer mitbringen. Davon profitierte man vor allem im Berliner Raum.
Aber darüber hinaus gab es zu vielen Halbleitern, die in der DDR gefertigt wurden, Anfalltypen als so genannte Bastlertypen, die in der Industrie nicht eingesetzt werden konnten. So etwas bekam man in RFT-Amateurläden, die es in jeder Großstadt gab. In den Amateurläden - es gab auch einige Private - wurden auch die so genannten „Überplanbestände”-Halbleiter und sonstiges Material der VEBs an den Mann/Frau gebracht. Es gab auch einen sehr bekannten Versandhandel in Wermsdorf, der vom „Konsum” betrieben wurde. In den Fachzeitschriften „funkamateur” und „Radio Fernsehen Elektronik” wurden mehr oder weniger regelmäßig Sonderangebots-Listen veröffentlicht. Senderöhren waren nicht handelsüblich und HF-Leitungstransistoren gab es anfangs auch noch nicht, aber ansonsten fast alles, was das Bastlerherz begehrt.

Als Ergänzungs- und Updateplattform empfiehlt Peter Salomon seine eigene Webseite unter: ps-blnkd.de

2.9.2004






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