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Täck two: Die Subkultur ist mit uns

Mario Gongolsky
Die lokale Reaktion auf unsere Berichterstattung zum Bonner Artwar-Phänomen ließ nicht lange auf sich warten. Heimlicher Besuch eines Künstlers und Hinterlegung einer persönlichen Arbeitskollektion vor der Netzkritik-Redaktion. Die Kommunikation per Fotoalbum erlaubt das Psychogramm eines Klebe-Künstlers.

Kaum fünf Tage nach der Veröffentlichung unseres Artikels „Weg vom Täck" gab es heimlichen Besuch eines Aktionskünstlers. Wie es der Zufall wollte, stand der Autor dieser Zeilen um die Mittagszeit jenes denkwürdigen Tages an der Küchentheke, um der Unterzuckerung mit einem Marmeladenbrötchen beizukommen, als ein junger, etwa 20-jähriger, blonder Mann, Orientierung suchend über den Fußweg schlenderte, um schließlich zielstrebig den Abzweig zur Hausnummer 8 einzuschlagen. Viele Haustüren lassen sich an diesem Abzweig kaum erreichen. „Der will zu uns", dachte ich leise und versuchte von einem anderen Fenster, meinen Gedanken zu bestätigen. Potz-Donner! Wo isser denn hin? Der junge Mann schien vom Erdboden dieser Sackgasse verschluckt worden zu sein.

Die Erklärung folgte Stunden später: Eine zugetackerte Klarsichthülle lag unbeschriftet und kommentarlos vor der Briefkastenanlage. „Das gibt´s doch gar nicht!", entfuhr es mir. Auf den ersten Blick erkannte ich Artwar in dem prall gefüllten Kunststoff-Tütchen. Modifizierte McDonalds-Fähnchen, ineinander geklebte Paketaufkleber, Spielzeugpanzer und Soldaten, Postkarten-große Zeichnungsentwürfe und ein farbiges A4-Bild waren erst der Anfang. In der Tüte gab es einen intimen Arbeitseinblick über bereits geklebte Objekte und das „Atelier" meines Besuchers.

Zu seinen größten Arbeiten zählen vollständig tapezierte Absperrpfähle am Poppelsdorfer Weiher und eine Mosaik-Collage aus sich wiederholenden Motiven, in einer Bahnunterführung der Bonner Südstadt. Das Klebepotenzial ist damit leidlich nicht erschöpft, denn die Fotos zeigen hunderte fertiger Motive, die nur auf ihren öffentlichen Auftritt warten.



Psychogramm eines Klebers


Die Fotos erzählen eine Homestory. Seine Privatgalerie lichtet Zeichnungen und Bilder auf entsetzlichen, maschinell-getufteten Tiroler Souvenir-Wandteppichen ab, auf denen die brünstige Hirschkuh röhrt. Im Hintergrund sieht man dunkle Holzwandvertäfelungen und Tiergeweihe. Das sieht nicht aus wie Papas Gelsenkirchener Barock, das ist älter und lässt eher an Oma und Opa denken. Mr. Orgit wohnt also noch zu Hause. Sein Zimmer ziert eine Pappmaschee-Pyramide, die selbstverständlich vollständig mit seinen Arbeiten beklebt ist. Neben Aufklebern werden auch Objekte wie Glasreiniger-Sprühflaschen modifiziert und auf einen Wandrahmen geklebt.

Der eigentliche Arbeits- und Schaffensbereich, ein lichtgrauer Schreibtisch, wurde für ein Foto arrangiert und zeigt dem geneigten Betrachter eine Sowjet-Schirmmütze, einen Morgenstern und irritierende „Goldmuschies" auf der Fensterbank. Gleich einen ganzen Satz dieser zierlich hochgewachsenen, stilisierten Katzen, die auf einem dunklen Sockel thronen, sind da versammelt. Das ist so entsetzlich, dass es irgendwie schon wieder gut ist. Doch welche Mitteilung steckt in diesem Bilderrätsel? Mein Künstler ist eigentlich ein harmloser Zeitgenosse, der keinem Kätzchen ein Haar krümmt, doch auf obrigkeitsstaatliche Gewalt (Milizen-Mütze) wäre er bereit, auch andere Formen des Widerstandes (Morgenstern) in Betracht zu ziehen?

Seine durchaus Talent verratenden Arbeiten, die Aufteilung der Bildfläche, die Lust auf mehrdimensionale Perspektiven und die immer wiederkehrenden surrealen Gestalten sind ein innerer Aufruhr, gegen die dunkel-gebeizte Biederkeit seiner heimischen Umgebung. Da modifiziert man doch lieber triste, finstere Hochgaragen-Parkplätze mit strahlenden Regenbogenfarben aus der Spraydose, eine Arbeit übrigens, die durchaus ein Auftragswerk sein könnte.



Es ist Krieg und jeder guckt hin


Eines der mir zugespielten Bilder zeigt unverkennbar einen Soldaten und das große Farbbild rahmt den Begriff Artwar nochmals ein. Für die ganz Schwersinnige findet sich sogar ein schriftlicher Hinweis auf das Ziel des Kampfes: „The Annexation of Public Spaces." Danke, das hab ich dann auch verstanden, lieber Herr B.. Von der Hinterlegung von Skulpturen, Gewehren und Plastiksprengstoff bitte ich abzusehen. Applaus und aus.


22.9.2004






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Artwar: Weck vom Tägg

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