[an error occurred while processing this directive]  
www.mediaclinic.de
 
impressum| shop| <<rücklauf---
---vorlauf>>
     
 
:::::
Netzkohle
 




Mensch & Netz
Netzregelung
Netzkohle
Vita-Kraft
Web & Weg
Web-Tooning









Suchen

Google: Vom Tiger zum Bettvorleger

Martin Brust
Die Suchmaschine wollte mit revolutionären Methoden an die Börse springen und musste eine harte Landung auf deren Parkett hinnehmen. Google ist eine prima Suchmaschine - aber nicht die bessere Site des Kapitalismus.

Den Spielstand im Match zwischen „einer aufstrebenden Internetfirma mit einer Vorliebe für Lava-Lampen“ und der Wall Street gab das „Wall Street Journal“ mit 1:0 an - zugunsten der Börse und nicht etwa für Google. Denn um den Börsengang der Suchmaschine ging es in dem Artikel - und selbst Google-Fans wie ich konnten sich der Häme nicht verschließen. Denn das Unternehmen ist mit dem selbst postulierten Anspruch angetreten, sich nicht den üblichen Mechanismen eines Börsengangs zu unterwerfen, sondern diese zu revolutionieren. Und zwar zugunsten der Kleinanleger, also jener Gruppe im Spiel, die in der Regel dem Ball immer hinterher läuft. So brüskierte Google Investmentbanken (deren in Prozenten vom Emissionserlös abgerechnete Provisionen man beispielsweise mehr als halbierte) und institutionelle Anleger wie etwa Fondsgesellschaften und vermarktete Börsengang wie Produkt mit dem Image der „Good Guys“. Das beginnt schon bei der Unternehmensdarstellung: Trotzdem man schnell wachse - und faktisch längst ein beinahe monopolartig aufgestellter Konzern geworden ist -, bewahre man sich das Gefühl einer kleinen Firma mit flachen Hierarchien, die mehr auf die Kenntnisse und Fähigkeiten eines Mitarbeiters achte denn auf dessen formale Position. Beim gemeinsamen Rollerhockey habe niemand Angst, auch einen der Vorstände zu foulen und die Einstellungspraxis sei strikt anti-diskriminierend. Beim Essen in den verschiedenen Cafeterien setze man sich, wohin man wolle und das Unternehmen achte auf gesundes Essen. Fotos auf der US-Site zeigen Google-Büros, die wie modern gestylte Wohnzimmer aussehen und selbstverständlich bietet man Fitness-Räume. Dieses Image sollte auf den Börsengang übertragen werden, indem die Aktien per Versteigerung unters Volk gebracht wurden - denn dieser Vertriebsweg sichere Kleinanlegern die gleichen Chancen auf Zuteilung von Aktien wie etwa Fondsmanagern oder anderen institutionellen Investoren. Und Gründer Larry Page lies sich im Vorfeld des Börsengangs gerne mit dem Satz zitieren: „Eines unserer Mottos ist: Tue nichts Schlechtes“.

Google versteigerte seine Aktien um eine Praxis zu unterbinden, die üblicherweise und vor allem zu Zeiten des Booms von Investmentbanken gerne eingesetzt wurde: Die künstliche Verknappung des Angebotes der zudem noch unter Wert angebotenen Aktien. Ein System namens „Friends of Frank“, benannt nach dem zu einer (noch nicht rechtskräftigen) Gefängnisstrafe verurteilten, ehemaligen Star des Investmentbanking Frank Quattrone. Franks Freunde profitierten folgendermaßen: Die einen Börsengang begleitenden Investmentbanken setzen die Preisspanne der Aktien bewusst unter dem Niveau an, das nach den bekundeten Kaufabsichten von institutionellen Investoren erreichbar wäre, verknappten das Angebot und teilten die Aktien dann einer bevorzugten Gruppe von Abnehmern zu, die als Manager auf Vorstandsebene beschäftigt sind. Diese können so in den ersten Tagen nach einem IPO (Initial Public Offering/Erstnotiz) sichere Gewinne erzielen und vergeben im Gegenzug Investmentbanking-Geschäfte ihrer Firmen an eben die Bank, von der sie bevorzugt wurden. Klassische Win-Win-Situation - mit Verlierern. Das sind die Unternehmen selbst, deren Aktien neu an die Börse gebracht wurden - sie hätten mehr Geld erzielen können. Möglicherweise auch die Firmen der bevorzugten Manager, die ihre Bankgeschäfte vielleicht woanders zu besseren Konditionen bekommen hätten. Außerdem natürlich alle Anleger, die nicht bevorzugt worden waren - wozu natürlich die sogenannten Kleinanleger gehören.

Letztere waren deshalb auch in den Augen von Google die Benachteiligten bei Börsengängen, ein Umstand, dem das Unternehmen entgegen wirken wollte. Gegenüber der US-Börsenaufsicht SEC musste Google jedoch einräumen, dass man sich nicht an Vorschriften zur Finanzberichterstattung gehalten hat. „Wir stellen fest, dass dies nicht im Interesse unser Anteilseigner lag“, so heißt es weiter - und dabei dürfte es egal sein, ob die Eigner viele oder wenige Anteile besitzen. Erst kurz vor dem Börsengang war bekannt geworden, dass Google Aktien und Aktienoptionen illegal ausgegeben hatte. Wie soll ein Anleger den Wert eines Firmenanteils korrekt einschätzen, wenn er nicht weiß, wie viele ausgegeben wurden? Und dies war nicht die einzige Panne, so hatten die beiden Google-Gründer etwa die SEC-Regeln zur fairen Informationsvermittlung verletzt. Insgesamt ist die Informationspolitik des Unternehmens mindestens fragwürdig, viele der Probleme im Vorfeld des Börsengangs wurden nicht oder nur spärlich kommentiert, manche Auskünfte bislang ganz verweigert. So etwa zur Frage, was man mit dem Geld, das in die Kassen des Unternehmens fließt, überhaupt machen will. Prognosen über die künftige Geschäftsentwicklung, so kündigte Google an, würden ebenfalls nur spärlich ausfallen. Ein Fondsmanager wurde im „Wall Street Journal“ mit der Aussage zitiert, Google habe bei Präsentationen außer dem Mantra „Glaubt an uns“ nicht viel Substanzielles zu sagen gehabt. Das aber kann man schon erwarten, zumal es um viel Geld geht: Zwar wurde der Ausgabepreis der Aktien fast 40 Prozent unter dem ursprünglich verlangten Höchstpreis festgesetzt und ihre Zahl ebenfalls um mehr als 50 Prozent reduziert, dennoch hat Google damit rund 1,7 Milliarden Dollar eingenommen. Und ist mit einer Börsenbewertung von rund 23 Milliarden Dollar in den Handel gestartet. Das ist viel Geld, vor allem im Vergleich mit etablierten Unternehmen. So werden etwa SAP oder DaimlerChrysler zwar doppelt so hoch bewertet, doch verfügen beide über Produkte, die Konkurrenten nicht auf die Schnelle vom Markt verdrängen können. Google selbst hat hingegen in seiner weniger als zehnjährigen Geschichte gezeigt, dass der Sprung von der Uni-Idee zur besten Suchmaschine der Welt ein kleiner ist - auch für mögliche künftige Konkurrenten. Wahnsinnig erscheint der Preis für Google auch in Relation zum realen Geschäft: Nicht mal eine Milliarde Umsatz erzielte man 2003, während SAP fast das zehnfache und Daimler mehr als das Hunderfache erlösten. Und der Google-Gewinn von gut 100 Millionen Dollar vergleicht sich mit einem von fast 1,5 Milliarden bei SAP - und zudem verdient die Suchmaschine zu 98 Prozent durch Werbeeinnahmen, eine generell stark schwankende Einnahmequelle.

Google, für viele die wichtigste Anlaufstelle für die Informationsbeschaffung im Netz, geizt selbst auch produktseitig mit Informationen. So werden etwa die Kriterien für die Aufnahme in den Google-Index nicht offen gelegt - um Missbrauch zu erschweren, wie es heißt. Allerdings werden durch das Link-System in der Seitenbewertung auch sehr individuelle Seiten strukturell benachteiligt, ohne damit gegen die kommerziellen Linkfarmen wirklich etwas ausrichten zu können. Auch keine Auskunft ist zur Frage zu finden, wozu Google ein Patent vom Konkurrenten Overture zur nachträglichen Veränderung der Reihenfolge automatisiert erzeugter Suchergebnisse in Verbindung mit der Platzierung von Anzeigen nutzt. Fazit: Google bleibt vorerst die Startseite in meinem Browser - aber die Anfrage www.google.de/search?... wird zurecht mit „Es wurden keine mit Ihrer Suchanfrage übereinstimmenden Dokumente gefunden“ beantwortet. Und wenn die Börse neben Spekulationen und Zukunftshoffnungen auch nur ein Mindestmaß ökonomischer Vernunft abbildet, wie es manche ihrer Theoretiker ja beschwören, so sollte der Google-Aktie der Abstieg ziemlich sicher sein.

Artikel mit freundlicher Genehmigung von liga6000.de.

23.9.2004






 RSS-News

Nachrichten-Ticker



Unsere Abo-E-Mail informiert Sie sofort, wenn neue Artikel veröffentlicht werden.

Ihre E-Mail-Adresse



Datenweitergabe an USA?

ADAC als Datenschützer

Ajax in action

 
 



  E-Mail Druckversion