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Klick-Klick - Du bist tot!

Mario Gongolsky

Eine gewaltige Bedrohung der öffentlichen Sicherheit befürchten die Beamtenapparate in Deutschland und der ganzen EU. Das Schreckgespenst des Cyber-War lässt den Amtsschimmel wiehern. Dabei ist der Krieg auf den virtuellen Schlachtfeldern schon entschieden, bevor überhaupt jemand beginnt, Datenschützern, Bürgerrechtlern oder gar Verfassungsrechtlern Gehör zu schenken. Sieger sind die, gegen deren Tun uns der Staat schützen will. Die Verteidigung wird zur eigentlichen Agression: Der Internetnutzer unter Generalverdacht.

Nein, eine friedliche, demilitarisierte Zone ist das globale Computernetzwerk nun wirklich nicht. Wenn man die Schlagzeilen, besonders seit dem 11. September 2001 so verfolgt, erkennt man - gelinde gesagt - eine erhöhte Sensibilität der Berichterstatter, die das Internet als Ort der Anarchie und Gesetzlosigkeit anprangern. Vom ständigen Bruch der Urheberrechte durch Musiktauschbörsen, über Kinderpornografie bis hin zur Verabredung zum Mord mit anschließendem Kannibalismus, reicht die Palette und man meint, gegen den Cyberspace wäre ein Swinger-Club das reinste Nonnenkloster. Ein Abbild der realen Gesellschaft ist das Internet bestimmt, aber die Schwerpunkte der Berichterstattung verzerren natürlich die Proportionen zwischen harmlosem und abgründigem Treiben.

Und dann diese Terroristen der Al-Quaida, die per E-Mail kommunizieren. Ausgebuffte Computerexperten, die Geheimbotschaften in Fotos verstecken und ihre E-Mail auch noch verschlüsseln. Schnell wird ein Bedrohungsszenario entworfen, in dem nicht nur Flugzeuge in Hochhäuser fliegen und Pockenviren uns dahin raffen, sondern unsere Abhängigkeit von der Computertechnik eine offenen Flanke zum Angriff bietet.


Aufrüstung für den Cyber-War


Energieversorgung, Transport, Gesundheits- und Finanzwesen, alles fest in der Hand von Computern. Ein gezielter Angriff aus dem Internet und ein unvorstellbares Fiasko bricht über die Industriegesellschaften herein. Auch Deutschland hat reagiert. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnolgie baut seine Computer-Emergency-Response-Teams (CERT) weiter aus. Ein immer erreichbarer Expertenstab soll solche Angriffe mit gezielten Gegenmaßnahmen parieren. Die Rüstung für das virtuelle Schlachtfeld ist in vollem Gange. Nun mag manch einer schmunzeln, über dieses Bundesamt mit seiner bekannten Warnung vor der Javascript-Benutzung und vor dieser Art von Task-Force, die uns schließlich vor dem nicht eingetretenen Jahr-2000-Blackout bewahrt hatte, doch kleinreden sollte man ein elektronisches Bedrohungspotenzial für die öffentliche Sicherheit und Ordnung keineswegs.

Es gibt sehr wohl Gefahrenanalysen die man als einigermaßen alarmierend bezeichnen kann. Neu sind sie allemal nicht :”Wir sind in Gefahr! Amerika ist abhängig von Computern. ... Der moderne Dieb kann mit einem Computer mehr stehlen als mit einem Revolver. Der Terrorist der Zukunft kann mit der Computertastatur mehr Schaden anrichten als mit einer Bombe”, bescheinigte das National Research Commitee in seinem Gutachten “Computers at Risk” bereits 1991, rund fünf Jahre vor der Geburt des Internets, so wie wir es heute kennen.

Die Arbeitsgruppe KRITIS des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnologie hat im Jahr 2000 einen Bericht zur Verletzlichkeit der Bundesrepublik vorgelegt, der von einer “völlig neuartigen Bedrohung” spricht, ohne mit dieser Meldung echte Neuigkeiten zu bieten. Konnte oder sollte der Bericht möglicherweise auch gar nicht. Der Politologe Ralf Bendraht, Mitinitiator der Forschungsgruppe Informationsgesellschaft und Sicherheitspolitik (FoG:IS) und Betreiber der Mailingliste 'infowar.de@infopeace.de', veröffentlichte Teile des KRITIS-Berichtes vorab: 'Es scheint aber das auch aus den USA bekannte Problem zu geben, dass die Unternehmen sich nicht unbedingt freuen, in diesen Fragen mit der Bundesregierung und vor allem dem Bundesministerium des Inneren zusammenzuarbeiten.' Bendraht wurde eilig vom Innenministerium zurückgepfiffen und sollte den Vorab-Bericht schnellstmöglich aus dem Netz entfernen. Um den Informationsschaden zu begrenzen, war das Innenministerium bemüht festzustellen, dass dieser Vorabbericht erheblich von der Endfassung abweicht. Einen Beweis dieser Beteuerung ist die Bundesregierung allerdings bis heute schuldig geblieben. Der Öffentlichkeit wurde der KRITIS-Bericht nie präsentiert. 'Das', so Bendraht, 'ist unser Haupt-Kritikpunkt, und hier fällt die Bundesregierung deutlich hinter entsprechenden Ansätzen in den USA und anderswo zurück, wo viel offener mit den Strategiepapieren der Regierung umgegangen wird. Die neue Cyber-Sicherheitsstrategie der USA, die vor zwei Wochen veröffentlicht wurde, ist im September 2002 sogar als 'Draft' öffentlich zur Diskussion gestellt worden.'


Klick-klick: Du bist tot!


Mehr als ein paar Platzpatronen, haben die Angreifer bislang ohnehin nicht verschossen. War der erfolgreiche Angriff auf wichtige Rootserver in den USA das Werk gelangweilter Teenager? Bemerkt haben die Auswirkungen dieser Attacke jedenfalls nur sehr wenige Internetnutzer.

Zwischen den Hisbolla-Milizen in Südlibanon und offiziellen Stellen in Israel tobt ein lokaler Cyber-War. Über Chatrooms wurden Angriffe auf den Internetauftritt der Jerusalem-Post sowie dem israelischen Außenministerium angekündigt. Im Gegenzug setzten die Israelis die Homepage der Hisbolla schachmatt. Die libanesische Onlinezeitung “The Daily Star” berichtete quasi live mit Cracker-Zitaten. Die Araber rekrutierten genügend Surfer in aller Welt, um einige israelische Server kurzfristig durch eine Flut von Mails und Webanfragen niederzuringen. Mit großen Schlagzeilen mutiert das hektische Klicken tausender Computermäuse zum gewaltigen Säbelrasseln.


Department of Homeland Security: Kontrolle - Macht - sicher.


Der Knopf zum Abschalten einzelner Länder haben die USA schon längst gefunden.
Foto: Bilderbox
Im Namen der inneren Sicherheit hat die USA beim Kampf gegen den Cyber-Terrorismus die Nase klar vorn. Das Horrorszenario vom Netzblackout durch Millionen klickender Computermäuse zeigt schon Wirkung. Department of Homeland Security nennt sich die neue Abteilung, die unter anderem versuchen will, alle Web-Aktivitäten durch ein zentrales Monitoring-System zu erfassen, um Angriffsvorbereitungen besser zu erkennen. Im Endeffekt soll ein Instrument der totalen Kontrolle geschaffen werden, dass natürlich, so wird versichert, nicht zur Vollüberwachung jeden Individuums genutzt werden soll. Eine massive Kritik an dem Vorhaben ist nicht wirklich festzustellen. Doch zur Ehrenrettung der US-Öffentlichkeit sei erwähnt, dass sich Kritik wenigstens in Form von Satire finden lässt: “Wir haben ernstzunehmende Hinweise...”, wird der Homeland Security Direktor Tom Ridge zitiert - und das Magazin BBSpot.com erklärt, es gilt als sicher, dass Saddam Hussein in den Besitz mehrerer tausend 300 Baud-Akustikkoppler gekommen sei, die in Verbindung mit batteriebetriebenen Wähltongebern zur manifesten Gefahr für eine ISDN-Mailbox in New Jersey werden könnten.


Ein Rüstungswettlauf außerhalb jeder Kontrolle...


Diese Satire trifft das Problem im Kern: Droht der Cyberkrieg durch Individuen, durch Cracker und Terroristen, oder vielmehr durch klassische Militärmächte? Ralf Bendraht glaubt, nur die USA sind derzeit weltweit in der Lage, Cyberattacken im großen Maßstab auszuführen und steht mit dieser Ansicht keinesfalls alleine da. Staaten wie Russland und China sind die potenziellen Herausforderer und das Ergebnis ist ein Rüstungswettlauf, der im Augenblick keinerlei Kontrolle unterliegt. Die USA verfolgen eine Militärdoktrin der 'full-spectrum dominance' und die schließt den Cyberspace mit ein.

Elemente dieser Netzdominanz lassen sich bereits heute in Umrissen erkennen: Die angestrebte Netzvollüberwachung des US-Netzes zur Vereitelung von Angriffen, wie sie das Department of Homeland Security andenkt, die Kommunikation der US-Waffensysteme über Satelliten, die das IP-Protokoll verwenden, um Kommunikationshindernisse im Kampfeinsatz zu überwinden. Vor einigen Monaten schaltete die USA testweise das Land 'Somalia' ab, weil man vermutet, dass Al-Quaida-Zellen von dort Informationen verteilen. Gerade die letzten Tage gaben einen Vorgeschmack auf Cyberwar und Infowar: Da beschwert sich ein Vertreter Ägyptens bei einem Vorbereitungstreffen für den Genfer Gipfel zur Weltinformationsgesellschaft über den zu großen Einfluss der USA auf die A-Rootserver. Diese Verwalten die Länderadressen. Die irakischen .iq-Domains sollen angeblich aus dem Netz radiert worden sein. Doch Husseins Webmaster verwenden ohnehin .net und .com-Adresen. Unterdessen
wies US-Aussenminister Powell vor wenigen Tagen im Weltsicherheitsrat auf eine, wie ARD-Recherchen belegten, getürkte Gefahrenanalyse der britischen Regierung hin. Offenbar hatte der königliche Geheimdienst in weiten Teilen von der Hausarbeit eines Studenten abgeschrieben. Doch wieviele solcher Dokumente lassen sich innerhalb kürzester Zeit über das Internet verbreiten und wer prüft jeweils deren Wahrheitsgehalt?

Da wundert es kaum, wenn man feststellen darf, dass die USA auch Supermacht im Bereich des Cyberwar ist. Logisch, denn wer sich elektronisch verteidigen möchte, muss alle denkbaren Angriffsszenarien prüfen.


Lesen Sie im Cyberwar Teil 2, wie so genannte Sicherheitsgesetze bürgerliche Freiheiten einschränken und mit demokratischen Rechtstraditionen brechen. Der deutsche Internetnutzer unter Generalverdacht!
Demnächst auf diesem Bildschirm!








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”Wir sind in Gefahr! Amerika ist abhängig von Computern. ... Der moderne Dieb kann mit einem Computer mehr stehlen als mit einem Revolver. Der Terrorist der Zukunft kann mit der Computertastatur mehr Schaden anrichten als mit einer Bombe”
National Research Council, 1991

Mit großen Schlagzeilen mutiert das hektische Klicken tausender Computermäuse zum gewaltigen Säbelrasseln.
Cyberwar 2
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