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Teure Desktop-Sklaverei
Niels Gründel
Was für die einen eine hoch entwickelte ergonomische Oberfläche ist, bedeutet für andere die Entmündigung des Nutzers. In gewisser Weise haben sogar diese Extremisten recht, denn die Welt der Symbole, die eigentlich die Orientierung erleichtern soll, hält den Nutzer tatsächlich davon ab, zu erfahren was der Computer gerade tut (oder eben auch nicht). Software mit massiven ergonomischen Mängeln kostet Geld, viel zu viel Geld. Insgesamt, so schätzen die Marktforscher der Mummert Consulting AG (http://www.mummert-consulting.de), ließen sich 190 Millionen Euro einsparen, die derzeit sinnlos vergeudet werden. Vergeudet für Mitarbeiter, die immer wieder unter hohem Aufwand geschult werden müssen und den IT-Support mit Fragen löchern. Mit mäßigem Erfolg: Mitarbeiter sind frustriert und die Vorgesetzten ärgern sich über eine zu geringe Produktivität. Durch eine nutzerorientierte Gestaltung könnte also viel Geld gespart und das Arbeitsklima verbessert werden. Bei Standardanwendungen wie Office-Produkten sehen die Marktforscher Licht am Horizont, denn dort wird dem Umstand der Bedienbarkeit weitgehend Rechnung getragen, auch wenn die hohe Akzeptanz Verbesserungen nicht ausschließt. Verständnisproblem Mensch - Maschine
Doch auch die perfekteste grafische Benutzeroberfläche kann nach Ansicht von Neal Stephenson das Problem des Grundverständnisses der Menschheit für Computer nicht wirklich lösen. Ganz im Gegenteil: Seiner Ansicht nach gibt es im heutigen Computerzeitalter ähnlich wie in “Die Zeitmaschine” von H. G. Wells die Gruppe der Eloi und Morlock. Nur die Morlock verstehen den Computer und sie begnügen sich auch heute am liebsten mit der spartanischen Eingabemöglichkeit über die Kommandozeile. Die Eloi dagegen benötigen jede Hilfe und sind auf eine grafische Benutzeroberfläche angewiesen, ihr sozusagen bedingungslos ergeben. So entgeht ihnen natürlich das grundlegende Verständnis für die modernen Rechenmaschinen und wenn der Computer einmal nicht arbeiten will, dann verzweifeln sie regelmäßig an sich und der Maschine. In dem Buch “Die Diktatur des schönen Scheins' (ISBN 3-442-15177-5), erschienen im Goldmann-Verlag (http://www.goldmann-verlag.de), beschreibt der Autor Neal Stephenson die sehr unterschiedlichen Weltanschauungen der BeOs-, MacOS-, Unix- und Windows-Anhänger mit spitzer Feder. Die Stärken von Stephenson sind nicht gerade Erdkunde und Geschichte, doch er liegt sicherlich richtig damit, dass “wir heutzutage zu beschäftigt sind, um alles bis ins Detail zu verstehen.” So ist es besser, die Dinge nur halbwegs durch eine grafische Benutzeroberfläche hindurch zu verstehen als gar nicht. Denn “es ist besser, wenn zehn Millionen Eloi in Disney World eine Kilimandscharo-Safari machen, als wenn tausend Herzchirurgen und Finanzmanager in Kenia auf ‚echte‘ Safaris gehen.” (Wobei hier - um möglichen Missverständnissen vorzubeugen - angemerkt sei, dass der Kilimandscharo natürlich nicht in Kenia, sondern in Tansania liegt.) Die englische Originalausgabe ist bereits in die Jahre gekommen und so ist es kein Wunder, dass die recht späte deutsche Übersetzung aus dem Jahr 2002 schon einige inhaltliche Defizite aufweist. Das Buch ist trotz seiner eindeutig fachlichen Ausrichtung auch für Laien ein Lesevergnügen, obwohl - oder gerade weil - das zentrale Thema immer wieder aus dem Zentrum der Beschreibungen rückt. Doch und das bleibt für das Fachpublikum festzuhalten: Das Computerzeitalter ist für langsame Übersetzungen einfach zu schnell. 6.5.2003 |
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