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Zeitungen für Russlands wilden Osten
Mario Gongolsky
Um von Moskau nach Tynda zu kommen, ist man für rund 3.000 Kilometer immerhin fünf Tage mit einem Schnellzug unterwegs. Anschließend muss man sich noch ein Zugticket für die letzten 4.000 Kilometer besorgen. Tynda ist noch eine richtige Stadt, sogar einen Flughafen gibt es dort. Weiter geht es mit der BAM. Das ist die Baikal-Amur-Magistrale, ein sinnloses Mammutprojekt zur Erschließung der östlichen Sowjetunion. Die eingleisige Zugstrecke führt am Baikalsee vorbei hoch hinauf ins Gebirge bis an das japanische Meer. Moskau ist weit weg ...
Unterwegs endet irgendwo die Elektrifizierung der Strecke und alte Dieselloks schleppen fortan den Zug mühsam durch die eisige Einsamkeit. An welcher kleinen Siedlung Sibiriens man auch immer aussteigen würde, der sozialistische Pioniergeist, der es fertig brachte, die Wildnis der Taiga mit Eisenbahnschienen zu bezwingen, ist Geschichte. Moskau ist in jeder Beziehung sehr weit weg. So weit im Osten, gibt es kaum noch Straßen und gewiss keine, die von Lieferwagen befahren werden könnten. 150 Kilometer sind eine ganze Tagesreise und oftmals liegt der nächste Flugplatz noch weiter entfernt. Auch stellt das Flugzeug nicht immer ein geeignetes Transportmittel dar. Über weite Teile des Jahres verhindern extreme Temperaturen eine sichere Vorhersage, ob denn ein Flugzeug auch tatsächlich dort landet, wo es geplant war. Biblische Zustände
Moskau ist auch nicht präsent. Für die verlorenen Bürger in Russlands wildem Osten gibt es kaum Möglichkeiten sich über das zu informieren, was in Moskau passiert. Demokratie lebt aber von der Möglichkeit, sich an einem Diskurs beteiligen zu können. Außer Radiosendungen auf Kurzwelle dringt kaum ein anderes Medium in die kalten Wohnstuben Sibiriens vor. Wenn es Zeitungen gibt, dann sind es regionale oder lokale Blätter, doch auch deren Verbreitung in entlegene Winkel gestaltet sich schwierig. Biblische Zustände herrschen noch immer vor: Nachrichten werden von Mund zu Mund übermittelt. Eine Agenda 2010 für Russland
Nun erkannte die Regierung in Moskau, dass besonders die Segnungen von Internet und sonstigen Datennetzen einen preiswerten Weg darstellen könnten, auch vergessene Gegenden des Landes wieder näher an Moskau heranrücken zu lassen. Trotz aller schwer wiegenden wirtschaftlichen Probleme wird Russland zwischen 2002 und 2010 insgesamt 2,6 Milliarden Euro in ein Programm mit dem Titel E-Russland investieren. Die russische Version einer Agenda zwanzig-zehn bringt den Hauch von Fortschritt in entlegene Hütten und marode Plattenbauten. Teil des E-Russland-Projektes ist die elektronische Verteilung von Tageszeitungen und Magazinen in entlegene Regionen des Landes. Daran beteiligt sind die US-Firmen HP, Xerox und Newspaper-Direct. Für die technische Realisation des Projekts, ist die Firma 'RTComm.RU' zuständig. RTComm wurde im Jahr 2000 von der russischen Telecom-Holding 'Svyanzinvest' sowie dem Telefonnetzbetreiber 'Rostelecom' gegründet und gilt als einer der größten Internetdienstleister Russlands.
Das Newspaper-Direct-System nutzten bisher vor allen Dingen Luxushotels in aller Welt. Welche Zeitung der Gast auch immer wünscht, er kann sie sich zum Frühstück servieren lassen. So ist es kein Problem sich auf Guadeloupe eine Ausgabe der “Zeit“ zu beschaffen. Für E-Russia jedoch bringt die Lektüre großer überregionaler Tageszeitungen Russlands Osten endlich wieder näher nach Moskau. Der Durchbruch mit R-Story
Bürger, die sich den Luxus eines privaten Internetanschlusses bereits leisten, können zu Hause PDF-Dateien aus dem Netz laden. Die Plattform R-Story, gibt hier einen Einblick in den elektronischen Kiosk des modernen E-Russlands. Doch Papier bleibt ein unverzichtbares Medium. Wie sieht sie denn aus, die lokal ausgedruckte Tageszeitung für das russische Outback? “Gut!“, findet Tatjana Petrova, Verkaufsleiterin von Newspaper-Direct in Moskau. “Alle Zeitungen werden auf Laserdruckern als A3-Doppelseite ausgedruckt und wie eine echte Zeitung gefaltet.“ Zeitungen, die im Original auf A2-Format (also größer) erscheinen, werden herunterskaliert, allerdings wird dabei die Auflösung erhöht, sodass die Lesbarkeit nicht nennenswert darunter leidet. “Allerdings drucken wir nur schwarz-weiß“, schränkt Frau Petrova ein: “Farblaserdruck ist einfach zu teuer. Nicht nur die Drucker, sondern auch das Verbrauchsmaterial würde den Dienst zu stark verteuern.“ Ein Anfang ist gemacht
Heute geht es mit den staatlichen Mitteln des E-Russia-Projekts weiter in Nizhny-Novgorod, Perm, Yuzhno-Sahalinsk, Barnaul und weiteren Orten in der Weite Russlands, von denen wir hierzulande wohl noch niemals etwas gehört haben. Einen wichtigen Schritt nach vorne habe man gemacht, findet der russische Kommunikationsminister L. Reiman. Er nennt es einen 'schmerzfreien Einstieg' weiter Teile Russlands in das internationale Informationszeitalter. R-Story ist jedenfalls ein intelligentes Beispiel dafür, wie das Internet zur Verbesserung der Informationsverteilung in jenen Ländern genutzt werden kann, bei denen das Computerzeitalter im Privatbereich noch in weiter Ferne liegt. 29.5.2003 |
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